Hitze-Ethik - FALTER.natur #65

Benedikt Narodoslawsky
Versendet am 24.06.2022

Vor fast genau zehn Jahren habe ich im FALTER die Bioethikkommission porträtiert, die sich mit den drängenden Fragen der "gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen und rechtlichen Fragen auf dem Gebiet der Humanmedizin und -biologie" beschäftigt.

In der Kommission streiten 24 kluge Köpfe aus verschiedenen Bereichen mit verschiedenen Meinungen miteinander, die Juristin debattiert mit dem Theologen, der Mediziner mit der Sozialwissenschaftlerin.

In der Öffentlichkeit fristet die Institution eher ein Schattendasein, dabei beschäftigt sie sich mit extrem spannenden Fragen. Darf man die österreichische Bevölkerung zur Covid-Impfung zwingen? Kann man Menschen von Maschinen pflegen lassen? Soll man Sterbehilfen leisten können? Solche Sachen.

Die Klimakrise hat die Kommission eigentlich nicht auf ihrem Fragenkatalog der Humanmedizin- und biologie. Dennoch haben sich die Mitglieder nun in einem neuen Bericht ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt, denn die Klimakrise betreffe "auf vielfältige Weise die Gesundheit gegenwärtiger, vor allem aber zukünftig lebender Menschen".

Fünf ethische Herausforderungen benennt die Kommission in ihrem Bericht. Erstens, der Erhitzung des Erdballs führe "zu einer zunehmenden Gefährdung der Menschenrechte" und beeinträchtige die "Gesundheit sowie die soziale Sicherheit von Milliarden von Menschen". Zweitens, die Klimakrise treffe vor allem die Kinder und Ungeborenen.

Drittens, es gebe eine "chronische Ungerechtigkeit" gegenüber dem globalen Süden, der am meisten unter den Auswirkungen leide, während der globale Norden hauptverantwortlich für die Misere sei. Die vierte Herausforderung sehen die Mitglieder in der "Leugnung des Klimawandels" und der PR-Industrie, die über Jahre hinweg die Gesellschaft hinters Licht geführt hat. Fünftens wirft die Klimakrise laut der Kommission "Fragen über den Wert der nicht-menschlichen Natur auf: ob wir Verpflichtungen haben, Tiere, einzigartige Orte oder die Natur als Ganzes zu schützen, und welche Form solche Verpflichtungen annehmen, wenn wir dies tun."

Die Mitglieder der Kommission haben sich durch wissenschaftliche Literatur gegraben und beschreiben die vielfältigen Belastungen durch die Klimakrise auf die BürgerInnen - diese reichen von den Folgen von Extremwetterereignissen über den Hitzetod bis hin zu internationalen gewaltsamen Konflikten, die die Klimakrise befördert.

"Aufgrund der globalen Dimension des Klimawandels, aber auch eingedenk der konkreten Verantwortung als bisher privilegiertes Industrieland Mitteleuropas muss Österreich sowohl international wie auch national konsistent Schritte zur maßgeblichen Reduktion von Treibhausgas-Emissionen setzen", fordert die Bioethikkommission.

Zehn Empfehlungen richten die 24 ExpertInnen an die politische Führung des Landes. Den Klimaschutz zum Staatsziel machen, den überbordenden Flächenverbrauch eindämmen, das Verkehrssystem transformieren, ein wirksames Gesetz für Energieeffizienz, klimaschädliche Förderungen stoppen - all das steht auf ihrer Liste.

All das ist nicht neu, Umweltschutzorganisationen und KlimawissenschaftlerInnen trommeln diese Forderungen seit Jahren. Aber indem die Kommission sie mit großen ethischen Fragen auflädt und klarstellt, dass die Gesundheit der ÖsterreicherInnen in gleich vielfacher Hinsicht auf dem Spiel steht, bekommen diese nun mehr Gewicht.

Der Bioethikkommission wurde 2001 unter dem damaligen Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) als "Vorwarnsystem für die Politik" ins Leben gerufen. Sie soll den Kanzler beraten, hat aber ihren Zweck bisher nicht erfüllt. Allzu oft ignoriert die Regierung die wichtige Arbeit des Thinktanks. Geld für Öffentlichkeitsarbeit fehlt der Kommission nach wie vor. Wichtige Debatten zu gesellschaftlich großen Fragen bleiben allzu oft aus. Wenn Sie wollen, dass der Bericht der Bioethikkommission gelesen wird, teilen Sie ihn also bitte. Sie können auch gern einfachheitshalber diesen Newsletter an Interessierte weiterleiten.

Vielen Dank!

Benedikt Narodoslawsky

Wann, wenn nicht jetzt?
Jetzt ist genau die richtige Zeit, um die Energieunabhängigkeit in Österreich weiter auszubauen. Aber: Die Welt bewegt man nicht allein. Wachsen Sie mit uns zusammen fürs Klima und beteiligen Sie sich an der Energiewende: investieren.oekostrom.at

Der lesenswerte und mit Quellen unterfütterte Bericht der Bioethikkommission über die Klimakrise ist nicht der erste, in dem eine Institution aufgrund der dringlichen Lage von sich aus tätig wird. Bereits 2014 schlossen sich WissenschaftlerInnen und Universitäten zusammen, um auf Eigeninitiative den Österreichischen Sachstandsbericht Klimawandel herauszubringen - eine Neuauflage ist gerade in Arbeit. 2019 legte das Bundesheer in seinem Bericht Heer 2030 einen Fokus auf den "rapiden Klimawandel". Es stuft sie samt der "damit einhergehenden Verknappung von Wasser und Lebensmitteln" als eine der größten Bedrohungen für Österreichs Sicherheit ein. Und im Vorjahr legte der Rechnungshof seinen kritischen Bericht zum "Klimaschutz in Österreich" vor. Ich empfehle Ihnen alle vier Berichte zur Sommerlektüre und stelle fest, dass das Klimathema den Marsch durch die Institutionen erfolgreich angetreten hat.

Wie kann man dafür sorgen, dass Medien ihrer Verantwortung in der Klimakrisenberichterstattung gerecht werden? Wie garantiert man, dass JournalistInnen wissenschaftlich fundiert berichten und nicht durch die Lobby der KlimawandelleugnerInnen beeinflusst werden?

Im Bericht empfehlen die Mitglieder der Bioethikkommission dazu "eine Neuausrichtung der Medienförderung nach bestimmten Qualitätskriterien der Berichterstattung zur Klimakrise". Die Vorschläge haben es in sich. Die Kommission regt nicht nur an, der österreichische Presserat könnte Regeln für die Klimakrisenberichterstattung aufstellen. Sie geht noch viel weiter: Medien, die wiederholt das Klima leugnen, könnte die öffentliche Förderung entzogen werden, die Inseratenschaltung öffentlicher Behörden sollte an Qualitätskriterien gekoppelt werden - auch in Hinblick auf die Klimaberichterstattung.

Die Kommission denkt an, Werbung für klimaschädliche Produkte - wie bei Zigarettenwerbung - mit Warnhinweisen zu versehen. Außerdem sollen neue Finanzierungsmodelle geschaffen werden, um "die Abhängigkeit vom Werbemarkt der fossilen Industrie zu reduzieren". Gleichzeitig - und das ist der wohl am wenigsten umstrittene Vorschlag - sollte "qualitativ hochwertiger Klimajournalismus" gefördert werden -> hier geht's zum FALTER-Abo :-)

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Wo findet man qualitativ hochwertigen Klimajournalismus überhaupt? Die Aufgabe dieses Newsletters sehen wir auch darin, Ihnen regelmäßig die wertvolle Arbeit von KollegInnen anderer Medienunternehmen vorzustellen. Diesmal möchte ich Sie auf drei feine Newsletter aufmerksam machen.

Seit fast genau einem Jahr verschickt der Radiosender Ö1 wöchentlich einen Klima-Newsletter, der vom Wissenschaftsredakteur Franz Zeller bestens kuratiert wird. Anmelden können Sie sich hier.

Der deutsche Physiker Jakob Lochner fasst jede Woche drei Klima-Nachrichten zusammen, die er für besonders lesenswert erachtet. Seinen übersichtlichen Newsletter "Klimahochdrei" finden Sie hier. (Den Tipp habe ich übrigens von den beiden Kollegen der Treibhauspost bekommen, den ich Ihnen schon mal ans Herz gelegt habe.)

Und schließlich empfehle ich Ihnen noch den Newsletter des deutschen Greenpeace Magazins, der werktags eine launige Presseschau aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammenstellt und Sie in puncto Artenschutz und Klima schon frühmorgens auf dem Laufenden hält. Hier geht's zur Anmeldung.

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Wie weit dürfen AktivistInnen in Zeiten der Klimakrise gehen? Diese Frage hat Katharina Kropshofer Anfang Juni in einer großen Covergeschichte aufgeworfen. Mitte Juni traf sie nun im Rahmen des Austrian World Summit - der von Arnold Schwarzenegger ins Leben gerufen wurde – die bekannteste deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer zum Interview. "Wenn Unrecht herrscht, sind wir gefragt, Widerstand zu leisten", beteuert Neubauer. Das Interview mit ihr lesen Sie in der aktuellen Ausgabe.

"Es ist die Pflicht des Menschen, die Natur zu schützen" – neun von zehn ÖsterreicherInnen stimmen dieser Aussage laut einer aktuellen Umfrage zu. "Fast ebenso viele macht es glücklich, in der Natur zu sein. Und nur etwa ein Fünftel der 1000 Befragten findet, dass wirtschaftliche Entwicklung wichtiger als Naturschutz sein sollte", schreibt unser Tierkolumnist Peter Iwaniewicz. Warum er den Aussagen der Umfrage nicht ganz traut, erklärt er hier.

Einer, der sich wirklich nach Natur und dem Gartenidyll sehnte, war der große Schriftsteller George Orwell. Wie diese Sehnsucht sein literarisches Schaffen seiner Bestseller von "1984" bis "Animal Farm" beeinflusst hat, hat Tessa Szyszkowitz mit der amerikanischen Autorin Rebecca Solnit besprochen. Solnit hat das Buch Orwells Rosen geschrieben und war dafür auch in seinem Garten. Sie sah dort die Rosen blühen, die Orwell in den 1930ern gesetzt hatte.

Zerstörte Wälder, regulierte Flüsse, überfischte Meere, totgespritzte Felder. Der Mensch hat sich die Natur untertan gemacht - und sägt damit an seinen eigenen Lebensgrundlagen. So weit, so bekannt. Aber das muss nicht so bleiben. Am Mittwoch hat die EU-Kommission nach monatelanger Verzögerung einen wegweisenden Gesetzesentwurf vorgelegt, um die Natur wieder wach zu küssen. Die EU-Kommission will mit dem EU-Naturschutzpaket den "Kollaps von Ökosystemen verhindern und den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels und des Biodiversitätsverlusts vorbeugen".

Unter anderem sollen dazu in den nächsten drei Jahrzehnten 80 Prozent jener Lebensräume in der EU, die sich in einem schlechten Zustand befinden, wiederhergestellt und alle Ökosysteme renaturiert werden. Die chemischen Pestizide sollen schon bis 2030 um die Hälfte zurückgehen.

Österreichische Umweltschutzorganisationen wie BirdLife, die Österreichische Berg- und Kleinbäuer_innen Vereinigung und GLOBAL 2000 begrüßen die Gesetzesvorschläge, der WWF sieht darin einen "potentiellen Meilenstein" im Naturschutz und der Umweltdachverband einen möglichen "Game-Changer für Biodiversität und Klimaschutz". Nun muss der Gesetzesvorschlag noch mit dem EU-Parlament und den EU-Mitgliedsländern verhandelt werden. Bleiben wir optimistisch!


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