Wir brauchen Brachen - FALTER.natur #71

Benedikt Narodoslawsky
Versendet am 05.08.2022

Der FALTER.natur-Newsletter soll Sie immer wieder überraschen, auch in der Darstellungsform. Er erschien unter anderem schon als Wutrede, Analyse, Brief, Anklage, Rätsel und Witzesammlung. Aber eine klassische journalistische Gattung haben wir in den letzten 70 Ausgaben ausgelassen, nämlich das gut gepflegte Gespräch. Wir holen das heute nach und ich heiße Sie hiermit zu einer Premiere willkommen!

Mein erster Interviewgast heißt Norbert Teufelbauer, er arbeitet für die Umweltorganisation Birdlife. Teufelbauer ist Hauptautor des Farmland-Bird-Index, kurz FBI. Dieser zählt zu den wichtigsten Berichten über den Zustand der heimischen Artenvielfalt. Dabei erhebt Birdlife im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums seit fast einem Vierteljahrhundert, wie sich die Bestände der Feld- und Wiesenvögel verändert. Die EU braucht diese Daten, um den Zustand der Umwelt zu vermessen. Am Dienstag hat Birdlife den neuen FBI veröffentlicht. Die Zahlen sind ernüchternd.

FALTER.natur: Herr Teufelbauer, warum lässt die EU ausgerechnet Feld- und Wiesenvögel beobachten?

Norbert Teufelbauer: Die EU gibt Unsummen aus für die ländliche Entwicklung, Agrar- und Umweltprogramme. Wie wirksam diese Programme sind, misst sie mit mehreren Indikatoren. Einer davon ist das Monitoring der Feld- und Wiesenvögel. Vögel sind gut messbar, denn wir wissen viel über sie und können sie gut unterscheiden. Es geht dabei aber nicht nur um die Vögel selbst, sondern sie zeigen an, wie sich die Biodiversität generell entwickelt. In der Kulturlandschaft – also bei Flächen, die landwirtschaftlich genutzt werden - gab es in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern die größten Biodiversitätsprobleme. Im Vergleich dazu ist der Biodiversitätsverlust im Wald deutlich weniger dramatisch.

Wie misst man die Zahl der Vögel?

Teufelbauer: Das Programm von Birdlife heißt Brutvogelmonitoring, es ist seit Jahrzehnten gut erprobt und wir arbeiten dabei mit vielen Ehrenamtlichen zusammen, die sich sehr gut auskennen. Nach einer standardisierten Vorgabe zählen die Freiwilligen zwei Mal zur gleichen Zeit über mehrere Jahre, wieviele Vögel sie sehen. Mit Statistikprogrammen kann man anhand der Zahlen dann Bestandstrends berechnen.

Was zeigt der Trend?

Teufelbauer: Den Farmland-Bird-Index gibt es seit 1998, seither haben wir 40 Prozent der Kulturlandschaftsvögel verloren. Das ist ein Durchschnittswert. Wir beobachten 23 Vogelarten. Der Bestand geht nicht bei jeder Art zurück. Gleichzeitig heißt das, dass der Verlust von manchen Arten viel höher ist.

Was ist der Hintergrund für diese dramatische Abnahme?

Teufelbauer: Wir Menschen nutzen die Landschaft viel intensiver als früher. Im Grünland wird öfter gemäht, das verunmöglicht die erfolgreiche Brut einiger Arten. Pestizide töten Insekten, die die Vögel als Nahrung brauchen. Und die Landwirtschaft wird effektiver, das heißt, es gibt heute größere Felder, dafür weniger Randstreifen und Brachen.

Am stärksten hat die Grauammer verloren. Ihr Bestand ist seit 1998 um 94 Prozent eingebrochen. Warum?

Teufelbauer: Die Grauammer ist ein Vogel der Brache par excellence, sie hat sich aufs offene Land spezialisiert. Wenn man also eine Brache stehenlässt, wird sich die Grauammer dort ansiedeln. Entfernt man Brachen aus der Landschaft, entfernt man damit auch die Grauammer.

Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) hat gerade bestimmt, dass Bauern Brachen bis 2023 landwirtschaftlich nutzen können - er argumentiert das mit dem Ernährungsengpass durch den Ukraine-Krieg. Die WissenschaftlerInnen des Biodiversitätsrats haben das öffentlich kritisiert. Wie sehen Sie das?

Teufelbauer: Es kann zwar durch den Ukraine-Krieg zu Produktionsengpässen kommen, aber die Fläche an Brachen, die geopfert wird, ist etwa die gleiche Fläche, die wir durch die Bodenversiegelung in einem Jahr verlieren. Mit der Versiegelung ist der Boden allerdings dauerhaft weg. Wir sollten also lieber grundlegend überdenken, ob wir noch mehr Einkaufszentren und Straßen brauchen. Wenn wir weitere Brachen verlieren, sehe ich die Entwicklung der Biodiversität pessimistisch. Denn es braucht Flächen, die von der Bewirtschaftung ausgenommen werden, um die Biodiversität erhalten zu können. Ideal wären 10 Prozent.

Was ist eigentlich das Problem, wenn die Grauammer in Österreich verschwindet?

Teufelbauer: Wir sind auf die Biodiversität angewiesen, ohne Bestäuberfunktionen können wir zum Beispiel nicht mehr unter denselben Bedingungen Lebensmittel erzeugen. Um die Biodiversität zu erhalten, ist jede Art wichtig. Aber es geht nicht nur um die Grauammer, sondern um das generelle Muster, dass der Bestand vieler Arten zurückgeht. Wenn die Grauammer bald ausstirbt, könnten auf sie in den nächsten zehn Jahren fünf weitere Arten folgen. Und wir wissen nicht, wie Ökosysteme darauf reagieren, wenn sie verarmen. Das ist ein komplexes Netz. Man kann sich das so vorstellen wie bei dem Spiel mit dem Turm aus Bausteinen, wo man Baustein um Baustein rauszieht. Mit jedem entfernten Stein wird das Ökosystem instabiler. Wir wissen nicht, bei welchem Stein der Turm einstürzt. Aber irgendwann ist es zu viel.

Benedikt Narodoslawsky

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„{miteinander} artenschützen“

2022 steht bei dm drogerie markt ganz im Zeichen des Artenschutzes. Deshalb unterstützt dm dieses Jahr in Kooperation mit GLOBAL 2000, dem Naturschutzbund und der Stadt Salzburg gleich mehrere ökologische Projekte in Österreich. Mehr zur Initiative „{miteinander} artenschützen“ erfahren Sie hier.

Zu den größten natürlichen Feinden unserer heimischen Vögel zählt die Katze. Nicht nur bei uns hinterlässt das süße Haustier große ökologische Pfotenabdrücke. "In Australien haben Katzen schon 99,8 Prozent der Landesfläche erobert und bedrohen die letzten 500 Individuen der Schmalfußbeutelmaus. Bis 2020 plante der Inselstaat deshalb, zwei Millionen wilde Katzen zu töten, und baute den weltweit längsten katzensicheren Zaun", erzählt Katharina Kropshofer im aktuellen FALTER. Ihr Porträt des schnurrenden Jägers lesen Sie im FALTER-Stadtleben-Ressort.

"Baumschläfer wären eigentlich die neuen Katzen in den Social Media", schreibt Peter Iwaniewicz in seiner dieswöchigen Tierkolumne. "Wären, denn sie sind zwar mit ihren schwarzen Knopfaugen, ihrer 'Zorro-Maske' und dem buschigen Schwanz allerliebst anzusehen, aber leider sehr selten." Der Naturschutzbund, die Bundesforste und das Wildtierbiologie-Institut apodemus wollen herausfinden, wo das süße Tierchen hierzulande vorkommt und bitten nun die Bevölkerung um Mithilfe. Wenn Sie bei der Suche mitmachen wollen, klicken Sie hier. Und falls Sie's auch nicht gewusst haben: So sieht der Baumschläfer aus.

Elektrisch durch die Stadt

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Eine Meldung, die es in den vergangenen Tagen nicht auf die Titelseiten geschafft hat (und auch in den Randspalten kaum zu lesen war): Die UN-Generalsversammlung erklärte vergangene Woche den Zugang zu sauberer und gesunder Umwelt zum allgemeinen Menschenrecht. Zugleich riefen die Vereinten Nationen internationale Organisationen, Unternehmen und Staaten dazu auf, stärker in die Gänge zu kommen, um "die dreifache planetare Krise aus Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung" zu bekämpfen. Das neue allgemeine Menschenrecht ist zwar für Staaten nicht bindend, hat aber symbolisches Gewicht und weist in die richtige Richtung.

Wer eine handfestere gute Nachricht braucht: Die freilebende Tigerpopulation in Nepal ist gewachsen, sie hat sich seit 2009 etwa verdreifacht. Zwar ist die Großkatze laut der Weltnaturschutzunion (IUCN) noch immer stark gefährdet, aber die Artenschutzbemühungen in Asien scheinen sich positiv auszuwirken. Mehr darüber erfahren Sie im Spiegel.

Vergangene Woche habe ich übrigens einen Tiger im Finanzministerium gesehen. Es war eine Jagdtrophäe, die per Frachtsendung illegal nach Österreich kam. Gerhard Marosi, der Artenschutzexperte des Finanzministeriums, hat mir erzählt, mit welch gefinkelten Methoden SchmugglerInnen streng geschützte Tiere über die Grenze bringen. Das Gespräch mit Marosi lesen Sie im FALTER.natur-Ressort, einen ergänzenden Podcast können Sie sich ab Samstag kostenlos auf falter.at/radio anhören.

In der Energie- und Klimakrise fehlt es an kompetenten Führungskräften für die Realisierung erneuerbarer Energiesysteme. Die TU Wien bietet den mit dem MSc Renewable Energy Systems ein Programm an, das Dich umfassend auf Deine Karriere in diesem Bereich vorbereitet. Jetzt mehr erfahren!

Wie halbherzig sich der Kulturbetrieb mit den existenziellen ökologischen Krisen unserer Zeit auseinandersetzt, habe ich vor wenigen Wochen an dieser Stelle kritisiert. Dass es sehr wohl Ausnahmen gibt, beweist die neue Plattform klimasongs.at. Sie listet Lieder österreichischer MusikerInnen, die sich mit dem Raubbau an der Natur befassen. Hinter der Plattform steht der Musiker Peter Czermak aus Steyr und seit ich mich durchgeklickt habe, rennt bei mir Hubert von Goiserns "Brenna tuats guat" in Dauerschleife.

Die österreichische Plattform kooperiert übrigens mit der Seite musik-und-klimakrise.de, die der Hamburger Musikwissenschaftler Marc Pendzich ins Leben gerufen hat. Er sammelt darauf deutsch- und englischsprachige Klimalieder. Die Song-Palette reicht mittlerweile von Miley Cyrus über Billie Eilish bis hin zu Culcha Candela und Die Ärzte. Hörenswert!

Die Chancen stehen gut, dass Sie einige dieser Klima-Songs auf dem nächsten weltweiten Klimastreik hören werden. Wenn Sie ihn nicht verpassen wollen, sollten Sie sich den 23. September gleich im Kalender eintragen. Wo und wann demonstriert wird, erfahren Sie hier. Falls Sie abseits der heutigen Affenhitze noch einen Motivationsschub brauchen, empfehle ich Ihnen den Bericht über die Baby-Meeresschildkröten aus Australien, die aufgrund der Klimakrise mittlerweile zu 99 Prozent weiblich sind. Und wenn Sie es noch einen Hauch alpträumerischer wollen, lesen Sie die aufsehenerregende Prognose von renommierten KlimawissenschaftlerInnen, die so drastisch ausfällt, dass KommunikationswissenschaftlerInnen davor warnen, weil solche Katastrophenszenarien Menschen zu sehr verschrecken könnten.

Besser als in Schockstarre zu verfallen, ist es deshalb, selbst wirksam zu werden. Das zeigt zur Zeit das Wiener Bezirksmuseum Neubau, das den monatelangen Klimaprotest gegen den Lobautunnel und die Wiener Stadtstraße in der Ausstellung "Lobau bleibt - Dokumente des Widerstandes gegen antiquierte Verkehrspolitik" aufgearbeitet hat. Sie ist noch bis 29. August zu sehen, Infos dazu gibt's hier. Und ein FALTER-Abo hier.


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