Das wünscht sich keiner für seine Enkel - FALTER.natur #83

Gerlinde Pölsler
Versendet am 28.10.2022

Diesmal flog Püree. Am Montag kippten Klimaschützer es in einem Potsdamer Museum auf die Glasfront eines Monet-Gemäldes, das Werk nahm keinen Schaden. Fast zeitgleich bewarfen Aktivisten in London die Wachsfigur von König Charles mit Schokokuchen. Wie solche Aktionen einzuschätzen sind, das haben Benedikt Narodoslawsky in der ZiB-Nacht und Katharina Kropshofer im FALTER kommentiert.

Mit einem haben die Anschütter jedenfalls recht: Auch wenn wir demnächst die 27. Weltklimakonferenz erleben, reden wir noch immer viel zu wenig über diese Krise, behandeln sie bloß als ein Thema unter vielen. Wissen auch immer noch zu wenig darüber. Dabei hängt fast alles an der Frage, ob wir sie in den Griff kriegen – unser Wohlstand und unsere Gesundheit, ein Leben in Frieden und Sicherheit, Demokratie und Freiheit. "Wüssten die Menschen, was den Enkelkindern bevorsteht, würde das keiner wollen", sagt Klaus Wiegandt, Herausgeber des Buches "3 Grad mehr".

Manche sehe ich jetzt müde abwinken: Wissen wir doch längst alles. Wird doch ohnehin überall rauf und runter gebetet. Wirklich?

Hier die wichtigsten Erkenntnisse aus drei exzellenten neuen Klimabüchern. Beginnen wir mit "3 Grad mehr" (unter diesem Link finden Sie die Buchinfo und eine Sammelrezension):

  • Die Pariser Klimaziele sehen zwar vor, dass wir die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad, besser noch unter 1,5 Grad begrenzen. Tatsächlich befinden wir uns direkt auf dem Weg in Richtung 3 Grad plus bis zum Jahr 2100. Das bedeutet: 

  • In Landgebieten steigt die Temperatur um das Doppelte. In Österreich und Deutschland wird es also um 6 Grad wärmer. Berlin wird dann wärmer sein, als es Madrid heute ist.

  • An den heißesten Tagen messen wir dann auch hierzulande 45 Grad. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent (typisch für Deutschland im Sommer) wird die selbst für gesunde Menschen nach einigen Stunden tödliche "Kühlgrenztemperatur" bei 40 Grad erreicht. Bei drei Grad mehr "werden sich die während Hitzewellen tödlich heißen Gebiete massiv ausweiten" und "den Aufenthalt im Freienzunehmend gefährlich machen".

  • Das Wetter "radikalisiert sich": Starkregen, Dürreperioden und tropische Wirbelstürme werden häufiger, stärker und dauern länger. 

  • Der Meeresspiegel steigt noch vor Ende des Jahrhunderts um 70 Zentimeter. Schmilzt allerdings etwa das Grönlandeis komplett ab, dann klettert er gar um 7 Meter nach oben. Und er steigt noch für Jahrtausende weiter an: "Bei 3 Grad Erwärmung um etwa einen Meter pro Jahrhundert, was die Küstenzonen der Erde erodiert, Strände wegspült, jede Infrastruktur mit ständig wachsenden Sturmflutrisiken bedroht und dauerhafte Küstenstädte … kaum mehr möglich macht."

  • Es sei "eine Erde, wie wir sie nicht kennen wollen", schreibt Stefan Rahmstorf, einer der Leitautoren des vierten Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC), in dem Buch. Er hält "eine 3-Grad-Welt für eine existenzielle Gefahr für die menschliche Zivilisation". 

  • Sie droht aber wahr zu werden für jene vier Milliarden Menschen, die heute jünger als 20 Jahre alt sind – plus alle, die noch geboren werden. 

Wie viel Unrecht die Klimakrise bereits heute mit sich bringt, zeigt Kira Vinke in "Sturmnomaden":

  • Schon bislang sind Millionen Menschen vor Extremwetterereignissen geflohen. Nur selten verbessert das ihre Lage. Oft landen sie in Slums, doch gerade deren größte sind so gelegen, dass sie massiv von Extremwetterereignissen betroffen sind. Zum Beispiel die Armensiedlungen in Karatschi, Pakistan, 2,4 Millionen Menschen: hohes Risiko für extreme Hitze und Wasserknappheit sowie Extremregen und tropische Stürme.

  • Die Ärmsten bezahlen bereits jetzt am meisten für die Krise, die sie am wenigsten verursacht haben. In Deutschland etwa liegt der durchschnittliche C02-Fußabdruck bei 6,4 Tonnen pro Jahr, in Subsahara-Afrika bei 0,8. "Manchen Berechnungen zufolge ist er niedriger als der eines großen fleischfressenden Hundes in Europa." 

Was all das für die künftigen Gesellschaften bedeutet, erklärt der Club of Rome in "Earth for all": 

  • Je heißer es wird, umso wahrscheinlicher kollabieren ganze Staaten: wegen zunehmender Umweltkatastrophen, Hungerkrisen, Konflikten ums Wasser, das zunehmende Auseinanderdriften zwischen Reich und Arm. Eine politische Destabilisierung wird wahrscheinlicher, autoritäre Führerfiguren gelangen an die Macht.

All das muss aber nicht passieren! Auch das sagen die Bücher: 

  • Für eine Klimawende wären laut Schätzungen etwa zwei bis vier Prozent des Weltsozialprodukts zu investieren. Deutlich weniger, als die Schäden in einer 3-Grad-Plus-Welt ausmachen würden: nämlich mindestens ein Zehntel der Weltwirtschaftsleistung. 

  • Naturbasierte Lösungen wie die Wiedervernässung der Moore oder eine Wende im Bauwesen weg von Zement und Stahl hin zu Holz wären rasch umsetzbar, relativ billig und höchst effizient.

  • Allein ein Stopp der Abholzung der Regenwälder würde die C02-Emissionen so drastisch reduzieren, "als würde Europa bis spätestens 2026 klimaneutral." 

  • Die Wende muss aber rasch, in den nächsten Jahren passieren: Denn das C02-Budget, das wir noch verbrauchen dürfen, um die Pariser Klimaziele einzuhalten, ist bereits sehr klein. (Wie dringend es ist, darauf haben erst gestern die Vereinten Nationen hingewiesen.)


Falls Sie sich nun fragen: Aber kann ich kleines Würschtel überhaupt was tun? Dazu Greta Thunberg in ihrem gestern erschienenen "Klima-Buch" (eine Rezension lesen Sie im nächsten FALTER): "Die Antwort auf die Frage, ob wir uns auf individuelle oder systemische Veränderungen konzentrieren sollten, lautet: ja, unbedingt. Wir brauchen beides." Die Klimakrise, sagt sie, müsse "in jeder unserer Entscheidungen präsent sein, immer über allem schweben. Wir müssen sie behandeln wie eine lebensverändernde Geschichte: Denn nichts weniger als das ist sie."


Eine schöne (Feiertags-)Woche wünscht 

Gerlinde Pölsler

Tierwelt Herberstein

In den vergangenen Wochen sind mit den afrikanischen Palmenflughunden und den südamerikanischen Zwergseidenäffchen zwei potentiell gefährdete Tierarten eingezogen.

Ein weiterer Neuzugang ist der Rotschnabelkitta. Insgesamt sind 90 Tierarten im oststeirischen Ausflugsziel beheimatet.

Bestaunen Sie die tierischen Neulinge täglich von 10 bis 16 Uhr.

Dazu passt der Klimakodex für Redaktionen, zu dem das Netzwerk Klimajournalismus diese Woche einen Entwurf präsentierte. "Die Klimakrise betrifft alle Bereiche unserer Gesellschaft und soll deshalb auch in allen Ressorts und bei allen Themen mitbedacht werden", so Netzwerksprecherin Verena Mischitz (Der Standard). Es gehe darum, sowohl die Dringlichkeit zu verdeutlichen als auch "das Gefühl der Ohnmacht, das viele Menschen haben, zu bekämpfen und Lösungsansätze zu liefern."

Events mit Mehrwert

Möglichst umweltschonend tagen und feiern - in Zeiten des Klimawandels leisten immer mehr Organisationen bei ihren Veranstaltungen einen Beitrag zum Umweltschutz. Sie auch? Das Convention Bureau Oberösterreich unterstützt Sie dabei.

Allen, die sich vor Spritzen fürchten, winkt Rettung: Forscher*innen haben Prototypen entwickelt, die den Rüssel der Stechmücke nachahmen: Man spürt die Spritze also nicht. Gut fürs Klima sollen jene Rotorblätter sein, die den Flossen von Buckelwalen nachempfunden sind – damit könnten Windräder effizienter und leiser werden. All diese Entwicklungen entstammen der Bionik, zu der das Technische Museum Wien eine neue Ausstellung eröffnet und Benedikt Narodoslawsky einen Artikel geschrieben hat.

Das gute Geld – Investieren mit MehrWert“ ist das Informationsevent für nachhaltige Geldanlagen, alternative Investments und Green Banking. Am 10. November 2022 dreht sich alles um "Wege aus der Energiekrise - Können uns erneuerbare Energien retten?" Infos & kostenlose Anmeldung:

www.gutesgeld.at

Hühner, die sich kaum bewegen können, weil sie durch Überzüchtung so eingeschränkt sind. Kranke und tote Tiere, die nicht mehr zu Futter und Wasser gelangen und die niemand behandelt. "Einige werden noch im Stall mit den Händen oder durch einen Schlag betäubt oder getötet, andere zappelnd herausgetragen. Mindestens ein Huhn bewegt sich noch, nachdem es auf eine Schubkarre mit toten Hühnern geworfen wurde." All das zeigen aktuelle Recherche-Aufnahmen aus dem deutschen Stall eines großen Lieferanten von Lidl Deutschland. Tierschutzorganisationen haben nun die Europäische Masthuhn-Initiative entwickelt. Hier können Sie die Petition unterzeichnen.

Mit den neuen flexiblen Tickets – 7 Tage WIEN und 31 Tage WIEN – kannst du selbst bestimmen, wann deine Woche oder dein Monat beginnen. Einfach unseren WienMobil Ticketshop (App und Web) besuchen und dort ganz bequem und digital dein neues Ticket holen.

Über das Potenzial von Erdwärme, "grünes" Flugbenzin (derzeit erst in Kleinstmengen verfügbar und teuer) sowie das "grüne Paradoxon" lesen Sie im aktuellen Heureka, dem Wissenschaftsmagazin aus dem Falter Verlag, diesmal mit dem Titelthema: "Öl am Ende?"

Klima Aktion Oktober

Am 19.10. lädt die Akademie der bildenden Künste Wien von 10 bis 20 Uhr zum Aktionstag mit Diskussionsrunden, Kunst, Vorträgen und Workshops an den Wiener Schillerplatz. Der ganze Oktober steht an der Kunstuniversität im Zeichen der Nachhaltigkeit, des Selbstversuchs und des Austestens wo überall nachhaltigeres Arbeiten in den Arbeitsalltag an der Kunstuniversität implementiert werden kann.

Mehr auf akbild.ac.at

Nach all der schweren Lektüre nun noch etwas Aufheiterndes: Witzige und berührende Tierfotos, nämlich die 40 Finalisten der Comedy Wildlife Photography Awards.


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