Tier der Woche: Sehr ohriginell


Peter Iwaniewicz

Stadtleben, FALTER 03/99 vom 20.01.1999

"Der Lauscher an der Wand, hört sei' eigene Schand'" Lehrsatz der Akustik Leute, die Fährten und Tierspuren interpretieren können, genießen, seitdem ich Karl May gelesen habe, meine volle Wertschätzung. Wer aus kaum erkennbaren Indizien am Wegesrand auf Größe, Laune und Absichten eines Lebewesens rückschließen kann, und wer nicht nur den rauhen Ruf des Rallenreihers, sondern auch seine feine Fußspur kennt, der ist wohlgewappnet für das Leben am Busen der Natur. Waren es bisher vor allem Fußabdrücke, die dem waidmännischen Auge die Anwesenheit von Tieren, und Fingerabdrücke, die dem Kriminalisten den Täter verrieten, so gibt es jetzt endlich eine neue Methode, Lebewesen zu identifizieren; den Lauscherangriff.

Man hatte nämlich festgestellt, daß die Form der Ohrmuschel bei jedem Menschen weltweit einzigartig ist und sich selbst eineiige Zwillinge dadurch unterscheiden lassen. Deswegen hat das britische National Training Center for Scientific Support to Crime Investigation jetzt eine Datenbank mit Bildern von Ohrabdrücken aufgebaut. 1200 Aufnahmen können bereits abgehört eingesehen werden (APA-Meldung, 11. Jänner 99).

Jetzt würden nur schlichte Gemüter fragen: "Wer ist so dumm und läßt schon sein Ohr am Tatort zurück?" oder sogar Van-Gogh-Witze erzählen, denn es gibt bereits auch einen ersten Erfolg: Ein gewisser Mark Dallagher plante, in ein Haus einzubrechen, und legte, um zu lauschen, zuerst sein Ohr an das frisch geputzte Fensterglas. Das war sehr unvorsichtig von ihm, zumal er dies ohne entsprechende Ohrbedeckung tat, denn nach Vergleich der Muscheln konnte er identifiziert und überführt werden. Dieser Fortschritt im Kampf gegen das Verbrechen hat die britische Exekutive nachhaltig motiviert, weswegen man in Zukunft bei Häftlingen und Verdächtigen neben den Fingerabdrücken auch noch den Abdruck der Ohren dokumentieren will. (Hüten Sie sich daher, falls Sie nach England kommen, vor Leuten mit tintenverschmierten Hörorganen.)

Schlechte Zeiten für afrikanische Elefanten (beide Ohren bedecken eine Fläche von acht Quadratmetern), Ohrenrobben, Ohrwürmer und Ohr-ang-Utans.

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