Debütantenstadl

Auch heuer wurde wieder der Staatsball in der Wiener Oper gefeiert – minus Glamour, plus Schäbigkeit. Dafür war diesmal der „Falter“ mit dabei. Ein Ausflug in die Parallelgesellschaft.

CHRISTOPHER WURMDOBLER
STADTLEBEN, FALTER 06/05 vom 08.02.2005

Durch die beiden mittleren Türen, die, auf denen das Staatswappen klebt, darf nicht jeder in die Oper hinein. Nur die Wichtigen gehen durch die Mitte, alle anderen nehmen die Eingänge rechts und links davon. Punkt neun Uhr ist Einlass, schon viel früher haben sich die ersten Gäste vor der Oper eingefunden, frieren am Ring im Frack oder im leichten Tüll. Selber schuld. Denn pünktlich kommt nur der Pöbel, sagt einer und grinst. Wer den Abend standesgemäß zelebriert, geht nämlich vor dem Walzertanzen erst einmal fein essen. Wer sich das nicht leisten kann, hat sein ganzes Geld schon für den Eintritt ausgegeben: Knapp 200 Euro kostet der Spaß pro Person. Ohne Sitzplatz, die Logen kosten extra, Verköstigung sowieso. Und, anders als beim Life Ball, nichts ist für den guten Zweck.

Auch ein paar Autogrammjäger haben es geschafft, ohne Ballkarte und großes Abendkleid die Polizeisperren zu überwinden und harren der Zelebritäten, die da angeblich kommen. Oder auch nicht, denn selten haben so wenige Prominente dem Opernball, Höhepunkt des Wiener Faschings, ihre Aufwartung gemacht wie dieses Jahr.

Klar, es gab wieder die Baumeisters und ihren gekauften Logengast. Es gab ein deutsches Adelspaar, das sich aus den Klatschspalten der Gazetten heraus mit den Lugners eine kleine Schlammschlacht lieferte, die mit der privaten Friedensdemonstration „bed in“ mit Schuhen im Hotelbett ein paar Stunden vor Ballbeginn endete. Es gab Debütantinnen, die sich schon nachmittags Haare und Gesicht machen ließen und sich mit ihren Strasskrönchen in U-Bahn-Haltegriffen verhedderten – sehr zur Belustigung der feixenden Mitreisenden. Es gab Hunderte Techniker, die aus der Staatsoper in kurzer Zeit einen Ballsaal machten. Und es gab ein paar müde Demonstranten, die den Ball und seine Besucher faschistisch, imperialistisch und so weiter fanden. Dabei ist der Opernball vor allem eines: fad, fad und noch mal fad. Aber. Von Anfang an.

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