Herr Alfred und die Geister

Ein Vierteljahrhundert lang war Alfred Smetana nur der Herr Alfred. Der ehemalige Kellner hat nun ein Buch über seine Jahre im Café Eiles geschrieben, das einen Blick hinter die Kulissen des Welttheaters Kaffeehaus wirft. Porträt eines verwegenen Maîtres.

WOLFGANG PATERNO
STADTLEBEN, FALTER 31/05 vom 02.08.2005

Mit 61 wurde Herr Alfred von einer Heidenangst gepackt. Herr Alfred, geboren am 19. Dezember 1939 und Ruheständler mit dem 20. Dezember 2000, wollte um keinen Preis in die Grube fahren, ohne Einmaliges geleistet zu haben. Überhaupt, das Sterben: Freunde und Verwandte wurden damals jäh aus dem Leben gerissen. Herr Alfred, verunsichert, wollte sein Leben keinesfalls wie jene alten Leute zu Ende bringen, die ihre Tage bei Kaffee und Kuchen ausklingen lassen.

Er wollte aufs Ganze gehen. „Ich wollte immer schon ein Buch schreiben“, sagt er. Buch. Da ist er, der wichtigste Begriff im Leben des Herrn Alfred. Er sagt „Buuch“, weiches B, langes U, samtene Stimme.

Nachträglich erhält so auch eine harmlose Plauderei Sinn. Es war 1998, ein heißer Sommertag, und es war wenig zu tun im Kaffeehaus. Herr Alfred, damals Kellner im Café Eiles, ein Mann ohne Nachnamen, kam mit einem Gast ins Gespräch, einem pensionierten Beamten und spätberufenen Schriftsteller, der bislang nur Ladenhüter veröffentlicht hatte, aber immerhin veröffentlicht hatte. Der Kellner servierte eine Melange, dazu Topfenstrudel mit warmer Vanillesauce. Nach der zweiten Melange klagte der Kellner dem Schriftsteller sein Leid: Ein Buch wolle er schreiben! Es mangle ihm aber an Fantasie! Darauf der Schriftsteller, kollegial: Na, hören Sie, Sie haben doch als Ober in all den Jahren genügend erlebt. Schreiben S’ das auf! Die Begegnung mit dem Schriftsteller ist in die Geschichte des Herrn Alfred als „fruchtbringendes Gespräch“ eingegangen. Er sagt das so, als spräche er nicht für den Moment, sondern für die große Alfred-Chronik. Dazu muss man wissen, dass Herr Alfred seine Geschichte in seiner eigenen Welt erlebt.

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