Hetzen mit Ha-Ze?

HC Strache hat Wiens FPÖ mit Antiausländerparolen reanimiert. Tatsächlich drängen immer mehr Zuwanderer aufs Arbeitsamt oder ins Gefängnis. SPÖ und ÖVP müssen reagieren, wenn sie sich nicht schon wieder von einem populistischen Blauen treiben lassen wollen.

Florian Klenk, Gerald John, Nina Weissensteiner
POLITIK, FALTER 43/05 vom 25.10.2005

Wie mussten sie solche Wahlfeiern vermisst haben. Doch jetzt, endlich wieder: diese stickige Wirtshausluft, das Drängen vor den deftigen Buffets, an denen Kameraden mit ausrasierten Nacken und Narben Schnitzel auf Würste stapeln. Dazu Blitzlichtgewitter, Siegerfanfaren, rempelnde Kameramänner. Sogar Herbert Haupt, der ehemalige FPÖ-Obmann, hatte sich fernsehgerecht postiert, um seinem Nachfolger „Ha-Ze“, wie sie ihn nennen, vor den Kameras die Hand zu reichen. Haupt? Moment! Ist der nicht beim BZÖ? „Dem Haider in Oasch kriechen und dann bei uns feiern wollen! Schleich dich, Verräter!“, zischt ein Burschenschafter seinen ehemaligen Vizekanzler an, als wollte er ihn sogleich zum Duell fordern. Und der blaue Landesgeschäftsführer Andreas Guggenberger will gar jene Journalisten verklagen, die Haupt hier weiter interviewen.
Nein, die Freude über dieses Wahlergebnis, das der FPÖ eigentlich einen Verlust von über fünf Prozent bescherte, lassen sich die Blauen vom Vertreter einer Partei, die gerade von der KPÖ besiegt wurde, nicht nehmen. Heute feiern nur jene, die niemals untreu waren: kleine Funktionäre, Bezirksräte, Corpsbrüder wie Andreas Mölzer oder Ewald Stadler und ein paar polizeibekannte Neonazis, die einst am Heldenplatz Demos für die saubere Wehrmacht organisierten. Von der Buberlpartie ist diesmal niemand da. „Wir haben uns in die Herzen der Menschen hineingearbeitet“, sagt Landesparteisekretär Harald Vilimsky. Und HC Strache ruft in die „Ha-Ze! Ha-Ze!“-Sprechchöre: „Die Menschen haben es satt, dass ihnen die Politiker aus der Hand fressen und dann auf den Kopf scheißen. Herr Häupl, gehen Sie raus zu den Leuten. Sonst bin ich in zehn Jahren Bürgermeister!“
Seltsam. Rot-Grün hat erstmals die Zweidrittelmehrheit in dieser Stadt. Doch die rote Umweltstadträtin Ulli Sima erlebt im Festzelt der SPÖ ein paar Straßen weiter ihr Déjà-vu: „Das habe ich doch schon alles einmal erlebt“, sagt sie, während die „Michl!“-Sprechchöre ertönen. Ein frecher, rechter Aufsteiger, eine Grenzöffnung Richtung Osten, Gedränge am Arbeitsmarkt, steigende Haftzahlen, Großparteien, die vom blauen Herausforderer völlig überrascht wirken. Der Bürgermeister selbst schaut trotz absoluter Mandatsmehrheit sichtlich grantig, als er sich durch die Menge im Festsaal drängelt. Für das Duell mit dem FPÖ-Mann reiche ihm „ein Zahnstocher“, höhnte Michael Häupl noch locker beim Wahlkampfauftakt der SPÖ. Erst am Ende des Wahlkampfes gab er Strache ernsthaft Beton. „Das war zu spät“, sagt eine SPÖ-Funktionärin. Jetzt lästert Strache vor seinen Kameraden im Wirtshaus, der Zahnstocher sei dem Bürgermeister wohl im Hals stecken geblieben. „Auch ich bin vom Ergebnis der Freiheitlichen erschüttert“, gibt Caspar Einem zu. Der ewige linke Vorzeigesozialdemokrat hatte wie so viele gehofft, dass sich die FPÖ nach all den Turbulenzen der vergangenen Jahre eine schallende Ohrfeige abholt. Tatsächlich sind netto 20.000 Wähler von den Blauen zu den Roten gewechselt, doch am Boden liegt die FPÖ deshalb noch lange nicht. „Scheiße“ schimpft ein Genosse, während hinten im Saal die Combo „Jo, wir san mitn Michl do“ intoniert.

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