Geizhalstag

Pünktlich zum Weltspartag findet sich hier auch die fünfte "Todsünde" ein: Geiz. Auch wenn man es in gottlosen Zeiten wie diesen, in denen Geiz vornehmlich geil sein darf, kaum glauben mag, so ist dieser eines der sieben Hauptlaster im katholischen Glauben.

Peter Iwaniewicz
FALTERS ZOO, FALTER 43/05 vom 26.10.2005

Zeichnung: Bernd Püribauer

Vielleicht hat dieser Begriff auch eine Bedeutungswandlung erfahren und muss von anderen, ähnlichen menschlichen Eigenschaften abgegrenzt werden: Schon 1888 beschäftigte sich Meyers Konversationslexikon mit den verschiedenen Erscheinungsformen: „Ein geringerer Grad von Geiz ist die Kargheit, die sich auf das unentbehrliche Maß von Genüssen beschränkt und zur Knickerei wird, wenn sie auch wirkliche Bedürfnisse übersieht, zur Knauserei aber, wenn sie darauf ausgeht, andre auf kleinliche Weise in dem ihnen Gebührenden zu beeinträchtigen oder zu beschädigen.“
Sparsamkeit als Nachkriegstugend gilt hingegen heute als kaufkraftzersetzend und das Wort „Sparschwein“ bekommt im Mund von Händlern auch eine neue Bedeutung. Dabei ist die Geschichte des Sparens lang, und die dazu verwendeten Behältnisse sind viele: Meist waren es Ton- oder Porzellanfiguren in Gestalt von Eichhörnchen, Goldeseln, Marienkäfern und nistenden Hennen. Die heute noch übliche Spardosenform ist dem Bienenkorb als Symbol für emsige Sammeltätigkeit nachempfunden.
Selten wirklich verwendet, aber im Sprachgebrauch fest verwurzelt ist immer noch das Sparschwein, das seine Existenz einer falschen Ableitung verdankt. Im mittelalterlichen England wurden Münzen in birnenförmigen Tongefäßen gesammelt, die aus einer billigen Tonmischung namens „pygg“ hergestellt wurden. Daraus wurde mit der Zeit eine „pygg bank“ und später ein an das englische „pig“ angelehntes Sparschwein. Diese Umdeutung passte auch gut zu der Rolle des Hausschweins, das als Allesfresser mit den Wirtschaftsabfällen so lange gefüttert wurde, bisman es schlachten konnte.
Der Tod scheint ein naher Verwandter aller Geizhälse zu sein, denn dieser wird ihnen meist gewünscht. Sowohl das Alte Testament („Ein geiziger Mensch ist wie ein gemästeter Ochse: Sein Fett wird er erst hergeben, wenn man ihm sein Leben nimmt“) als auch Martin Luther („Ein Geiziger kann nichts Nützlicheres und Besseres tun, als wenn er stirbt“) sind radikale Verfechter der Umverteilung. Was sagt die Kirche heute zu solchen lyonkslinken Forderungen? Gar nichts, sie findet vielmehr die Evolutionstheorie sündhaft und die Idee vom „intelligent design“ viel geiler.


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