Schlangengrube

Offenbar aus rein populistischen Gründen hat sich das hiesige Wetterministerium entschlossen, zum astronomischen Frühlingsanfang am 20. März das Wahlvolk mit saisongemäßen Temperaturen zu erfreuen. Das war dann aber auch schon die ganze Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Ereignis.


PETER IWANIEWICZ

FALTERS ZOO, FALTER 12/06 vom 22.03.2006

Keine Plakatwerbung und kein Jubelchor der Regierung, der diese Temperaturerhöhung als Spitzenleistung im mittel- und nordeuropäischen Vergleich ausweist. Da kann uns die USA wieder einmal Vorbild sein, wie man andernorts den Frühlingsanfang entsprechend feiert. In Sweetwater (Texas) gibt es am zweiten Märzwochenende dazu den “Rattlesnake Round-up”. Da man in Nordamerika keine Büffel abschießen darf und kann, hat man sich eine neue Zielgruppe von Schurkentieren gesucht und in der Diamondback-Klapperschlange gefunden. Vor fünfzig Jahren begannen Farmer die noch wintermüden und steifen rattlesnakes aus ihren Erdlöchern herauszufangen, weil immer wieder Kühe von den Reptilien gebissen wurden. Mittlerweile gibt es dort zwar kaum noch frei weidende Herden, aber dafür werden Schlangen im Gewicht von mehreren Tausend Kilo zusammengetragen und getötet. Da es in der unmittelbaren Umgebung deswegen kaum mehr Schlangen gibt, suchen die konkurrierenden Teams die Tiere mittlerweile im Umkreis von mehr als hundert Meilen. Es geht nicht um zoologische Details, also finden sich auch viele andere, ungiftige Schlangenarten unter den Fängen. Es gibt dazu eine “wissenschaftliche Begleitforschung” in Kooperation mit dem Texas Parks and Wildlife Department. Doch neben deren läppischen Angaben über das Gesamtgewicht der Schlangen nimmt sich das “Forschungsprogramm” japanischer Walfangflotten wie eine Nobelpreisarbeit aus. Ja, so sind sie halt, die Naturschützer, lauter Heulsusen. Die positiven Aspekte sieht dabei keiner: Das Großereignis kurbelt mit fünf Millionen Dollar Umsatz die lokale Wirtschaft an. Bis zu 30.000 Leute nehmen am round-up teil und haben beim Klapperschlangenwettessen und der Wahl zur Miss Schlangenbeschwörerin sicher eine Menge Spaß. Und die Idee, dem frühlingshaften Wiedererwachen der Natur gleich ordentlich eins vor den Latz zu knallen, könnte man doch auch hierorts aufgreifen.

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