"Ich bin ein Zerrissener"

Mit seinen Extremschrammeln hat er in den letzten drei Jahrzehnten das Wienerlied revolutioniert. Im "Falter"-Gespräch erklärt Roland Neuwirth, warum er zurück zum Landler-Groove will, beklagt den Verlust des Wiener Dialekts und verrät, was für ihn die größte Auszeichnung ist.

KLAUS TASCHWER
FEUILLETON, FALTER 29/06 vom 18.07.2006

Weltberühmt in Wien. Das trifft auf viele Wiener zu, aber selten so sehr wie auf Roland Neuwirth. Ein paar gemeinsam mit ihm verbrachte Minuten im öffentlichen Raum der U-Bahn machen klar: Dieser Mann kann es in der Frequenz des Gegrüßtwerdens ohne weiteres mit dem amtierenden Bürgermeister oder dessen Vorgänger aufnehmen. Was der Vollbart- und Hutträger neben seinen musikalischen Fähigkeiten auch seiner televisionären Präsenz verdankt: Bei der ORF-Fernsehserie “Kaisermühlen-Blues” war Neuwirth nicht nur für einen Teil der Musik verantwortlich, sondern trat auch immer wieder als Darsteller seiner selbst in Erscheinung.

“Mittlerweile bin ich halt eine Figur und hab den Inventarstempel am Arsch”, meint er gelassen über seine lokale Berühmtheit als ungekrönter König des neuen Wienerlieds. Wie weit dieser Ruhm reicht, lässt sich auch daran ablesen, wer aller auf Neuwirths jüngster Platte mit eigens aufgenommenen Sprech- und Gesangsproben vertreten ist: der Bürgermeister ebenso wie der Kulturstadtrat, Ingrid Thurnher, Willi Resetarits, Monica Weinzettl oder Gerhard Bronner – Leute halt, die Neuwirth “auf eine bestimmte Art leiwand” findet.

Sie alle haben sich vom Musiker nicht lange bitten lassen und singen oder sprechen auf einer fast zehnminütigen Nummer mit dem schönen Titel “Zug fährt ab” U-Bahn-Gstanzln. Die Vierzeiler stammen nicht alle von Neuwirth selbst, sondern gehen auf seine Lehrtätigkeit im Rahmen der Schule für Dichtung zurück. Im Herbst werden sie auch als Buch erscheinen. Auf Neuwirths neuer Platte “Wien g’spürn” kann man schon jetzt Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny mit folgendem Gstanzl hören: “Åm Nestroy-Plåtz möcht i / de Gstanzn wem zeign / doch dem tan bedeutende / Zweifel aufsteigen.”

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