Krieg essen Sprache auf

Die Grazer Stadtschreiberin Marusa Krese legt mit „Alle meine Kriege“ ein ebenso poetisches wie hartes Buch über den Krieg vor. Ein Gespräch über „wirkliches Tun“, den Blick des Schriftstellers, über Mad Max und Peter Handke.

Thomas Wolkinger
STEIERMARK, FEUILLETON, FALTER 35/06 vom 29.08.2006

Wenn Marusa Krese auf dem Weg ins Cerrini-Schlössel, das sie als Stadtschreiberin ein Jahr lang bewohnt hat, aus dem Lift auf den Grazer Schloßberg tritt, fällt ihr Blick zuerst auf einen Feigenbaum. „Aus irgendeinem Grund wirkt Graz südlicher als Ljubljana“, sagt Krese, die ihre Heimatstadt schon in den Achtzigerjahren gegen Tübingen und Berlin eingetauscht hatte. Damals in dem Wissen, jederzeit auch wieder zurück in ihr „Jugoslavija“ zu können, das ihr nie nur die kommunistische Diktatur war, wie sie in den Medien vereinfacht dargestellt wurde, sondern immer auch ein offenes Land, das versucht hat, einen eigenständigen Weg zu gehen.
Seit den aufkeimenden Nationalismen und den Kriegen um die Unabhängigkeit Sloweniens, Kroatiens und Bosniens, die sie in ihren Texten von Anfang an vehement kritisiert hatte, wurde diese Rückkehr für Krese, die zunächst als Psychotherapeutin, später als Lyrikerin und Radiojournalistin arbeitete, immer schwieriger. „Seit 1990 ist Slowenien politisch immer mehr Provinz geworden“, sagt sie und hat sich daher eine Form „postjugoslawischen Nomadentums“ zu eigen gemacht. Ein Dasein, das keine einfachen Identitäten und Heimaten kennt. Und das gleichermaßen in Berlin auf die Suche geht wie in Baku oder Bethlehem, in Srebrenica oder Sarajevo, das Marusˇ a Krese während der Belagerung praktisch monatlich besuchte, und das persönliches Erleben, politisches Engagement und poetisches Schreiben in einer Weise verbindet, die sich gegen Vereinfachungen sträubt und die condition humaine in all ihren Untiefen auslotet.
Mit „Alle meine Kriege“, einer lyrisch-rhythmischen Montage aus neuen Texten, Briefen, Gedichten und Reportagen der letzten Jahre, zieht Krese Bilanz über dieses Nomadentum, eine gleichermaßen politische wie persönliche Geschichte des Verlusts und des Versuchs, der Welt dennoch eine Sprache zu erfinden.

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  1194 Wörter       6 Minuten

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