Die Komagesellschaft

Feuerwehrfeste, Hochzeiten, Leichenschmaus: nicht nur Jugendliche trinken sich ins Koma sondern das ganze Land. Ein Besuch bei Kampftrinkern und Männern die alles versoffen haben.

Donja Noormofidi, Gerlinde Pölsler
STEIERMARK, POLITIK, FALTER 24/07 vom 12.06.2007

Es ist erst acht Uhr abends beim Fest der Freiwilligen Feuerwehr in einem südsteirischen Weindorf, doch die Gäste haben bereits tüchtig getankt. „200 Krügerl sind heute bestimmt schon über die Theke gegangen“, erzählt der ältere Mann hinter der Ausschank, und das, obwohl das Sommerfest nur spärlich besucht ist. Wie viel an diesem Abend noch verkauft wird? Das weiß keiner – zumindest hat der Hauptmann rund hundert Flaschen Wein und sechs Fässer Bier zu je fünfzig Liter herbeischaffen lassen. Nicht viel also, meint er: „In der Nachbargemeinde werden bei einem Bikertreffen 25 bis dreißig solcher Fässer geleert.“

Die Feuerwehrmänner sind schon gut gelaunt, sie trinken Bier und Spritzwein aus stattlichen Pokalen. Die jungen Männer haben es sich verdient: Sie haben an diesem Tag einen Wettbewerb gewonnen, bei dem man mit einem Feuerwehrschlauch durch ein Loch in einen Kelch spritzen muss, bis dieser auf den Boden fällt. Einige müssen nun schon achtgeben, dass ihnen nicht das gleiche Schicksal blüht – sie sind etwas wacklig auf den Beinen. „Kein Alkohol unter 16 Jahren“ steht auf Zetteln an der Wand. Daran halte man sich strikt, erklärt der Mann hinter der Schank. Die Feuerwehrmänner sind ohnehin alle volljährig, lassen den Wanderpokal kreisen, klopfen einander auf die Schultern, ältere Semester und Neuankömmlinge halten mit. „Hier haben wir halt noch eine Gemeinschaft“, meint ein Feuerwehrmann mit leichtem Zungenschlag. Auch von den Gästen auf den Bierbänken schlürft kaum einer Limonade.

Überall steht derzeit das Komasaufen der Jugendlichen im Mittelpunkt: „Zwölfjähriger mit 2,6 Promille ins Krankenhaus eingeliefert“, titelte eine steirische Tageszeitung erst vergangenen Freitag. Doch nicht nur die Jugendlichen saufen hierzulande zu viel: Die Österreicher haben quer durch alle Alters- und Berufsgruppen ein massives Alkoholproblem. „Im bedenklichsten Ausmaß trinken die mittelalterlichen und älteren Männer“, weiß Alfred Uhl von der Alkohol-Koordinations- und Informationsstelle (AKIS) des Anton-Proksch-Instituts, der zentralen nationalen Anlaufstelle zum Thema. Generell sei das Suchtpotenzial im Steigen, meint der Soziologe Manfred Prisching: Er sieht uns in Richtung einer Gesellschaft gehen, „die sich selbst betäubt“.

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