Leicht wie ein Vogel

Am 16. Juni begeht Elfriede Gerstl ihren 75. Geburtstag. Als U-Boot überlebte sie in Wien die Nazis, als Dichterin am Rande der Wiener Gruppe fand sie nur verspätete Anerkennung. Porträt einer Meisterin des Understatements, die das Pathos hasst und der Avantgarde eine Dosis Spaß verpasst.

Daniela Strigl
FEUILLETON, FALTER 24/07 vom 12.06.2007

„Mein Geburtstag gehört mir nicht – dennoch DANKE“, heißt ein Gedicht in Elfriede Gerstls letztem Band. Das Resümee: „ich soll mich freuen / ich geb mir alle mühe“. Die Diskrepanz zwischen freundschaftlicher Erwartung und eigener Freudlosigkeit wird mancher kennen. Was hier beschrieben wird, lässt sich aber auch auf das literaturbetriebliche Feiern des 75ers anwenden. Auf die Frage nach dem aktuellen Geburtstagsvorgefühl reagiert die Dichterin im Café Korb mit derselben Mischung aus Schicksalsergebenheit und Entgegenkommen. Und Humor: Diese Häufung von Interviews und Fototerminen sei so, als bekäme man eine Geburtstagstorte zum Geschenk, müsse aber das Eiklar dafür selber schlagen und den Teig selber rühren. Ein neues Gedicht dazu hat sie auch geschrieben: „Vor einem Geburtstag“ heißt es und listet auf, was alles man ihr lieber nicht schenken möge: Lilien zum Beispiel!
Im Korb also, wo die Gerstl mit ihren 1 Meter 54 mühelos eine Lokal-Größe darstellt und das Ambiente ungleich stärker bereichert als ihr Pappmachékollege Peter Altenberg das Central, unterhalten wir uns, ohne Tonband – also ohne „Prüfungssituation“ – über Erhebliches und Unerhebliches. Ja, was sie 1999 gesagt hat, als sie quasi in einem Aufwaschen den Trakl- und den Fried-Preis bekam, gelte nach wie vor: So lange habe man sie links liegen gelassen, so bitter sei die materielle Not über Jahre gewesen, dass sie sich über die gar späten Ehrungen nicht wirklich freuen könne. „man kriegt das gewünschte / wenn man es nicht mehr wünscht“, steht als Lebensmaxime in einem Gedicht. Das leuchtet ein und ist zugleich doch Teil eines biografischen Mythos, ähnlich wie das Bild von der kleinen Figur am Rande, dem stillen Wasser, das schweigt, wenn Männer sprechen: Bei den Treffen der Wiener Gruppe „bin ich gar nicht angeredet worden. Ich war so unbeachtet, dass ich wenigstens auch nicht sekkiert wurde.“
Über Oswald Wiener, der später auch in Berlin, dem Exil der Wiener Intelligenzija, den Ton angab und von dessen „brutal selbstherrlicher Gegenwart“ Andreas Okopenko, Gerstls literarischer Weggenosse seit fünfzig Jahren, einmal sprach, will sie gar nix Schlechtes sagen. In der Gruppe hätten eben andere Mechanismen und Kommunikationsspiele geherrscht als in Gesprächen unter vier Augen. Ganz unabhängig davon waren Oswald Wieners „die verbesserung von mitteleuropa“ und Konrad Bayers „der sechste sinn“ in ihrer Radikalität literarische Vorbilder für Gerstl und sind bis heute Schlüsselwerke geblieben: „Diese Texte ranzen nicht, die bleiben frisch wie die Lieder der Beatles.“

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