Drei Russen in Wien

Lenin, Stalin, Trotzki. Alle drei hielten sich in Wien auf, um die Revolution in Russland vorzubereiten. Eine Spurensuche.

Joseph Gepp
STADTLEBEN, FALTER 45/07 vom 06.11.2007

Siebenter November 1917, 9 Uhr 45 Uhr. Exakt neunzig Jahre ist es her, dass ein Schuss aus der Bordkanone des Panzerkreuzers „Aurora“ im Hafen von St. Petersburg das Signal zum Sturm auf das Winterpalais gab. Kein voller Tag vergeht, und es steht fest, wer das zerrüttete Russland in die Zukunft führen wird: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, verkündet die Errichtung einer Regierung aus Volkskommissaren und ruft den ersten sozialistischen Staat der Welt aus. Es ist ein gesellschaftspolitisches Experiment, das die nächsten siebzig Jahre halten und dem 20. Jahrhundert wie kein anderes seinen Stempel aufdrücken wird.
Als in Wien tags darauf die Nachricht von der Oktoberrevolution eintrifft (in Russland schreibt man aufgrund des julianischen Kalenders immer noch Oktober), wird sie von so manchem mit Unglauben aufgenommen: „Gehen S’! Wer soll denn in Russland Revolution machen? Vielleicht der Herr Bronstein vom Café Central?“, hat angeblich ein Beamter des Außenministeriums zu einem anderen gesagt. Eine schwere Fehleinschätzung, denn Lew Dawidowitsch Bronstein, während seiner Wiener Zeit schachspielender Stammgast in dem Kaffeehaus in der Herrengasse, war nach seiner Rückkehr in Russland ein wesentlicher Protagonist der Revolution. In die Geschichte ging der russische Außenminister und Gründer der Roten Armee unter seinem Nom de Guerre ein: Leo Trotzki. Die Anekdote erzählte Exbundeskanzler Bruno Kreisky während einer Pressekonferenz in den Siebzigerjahren; sein Vater, in den Jahren des Ersten Weltkriegs selbst Stammgast im Café Central, will sie mit eigenen Ohren gehört haben.
Nicht nur Trotzki hielt sich – auf der Flucht vor den Repressionen des Zaren, der bis Februar 1917 in St. Petersburg herrschte – in Wien auf. Iossif Dschugaschwili, genannt Stalin, verbrachte Wochen bei einer russischen Familie in Wien-Meidling und ließ sich von den Zuständen der k. u. k. Monarchie sogar zum Essay „Marxismus und nationale Frage“ inspirieren, einem Buch, das in den Jahren seiner Herrschaft jedes sowjetische Schulkind lesen musste. Sogar Lenin höchstpersönlich kam mehrmals nach Wien – einmal, um sich beim sozialdemokratischen Parteichef Victor Adler für eine Intervention zu bedanken, die ihm im heute polnischen Nowy Targ an der damaligen österreichisch-russischen Grenze einen Gefängnisaufenthalt wegen Spionageverdachts erspart hatte.

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