Langsame Heimkehr

Vor zehn Jahren wurde das Kunstrückgabegesetz beschlossen. Anlass dafür waren zwei Bilder aus dem Leopold Museum. Wie schwer man sich dort noch immer mit Raubkunst tut, beweist ein Besuch in der Ausstellung über Albin Egger-Lienz.


MATTHIAS DUSINI

FEUILLETON, FALTER 08/08 vom 19.02.2008

Es war nicht das, was brave Kinder unterm Christbaum finden. In der Weihnachtsausgabe der New York Times veröffentlichte Judith H. Dobrzynski 1997 einen Artikel über die dubiosen Sammelpraktiken Rudolf Leopolds, der seine Schiele-Sammlung damals gerade im Museum of Modern Art (Moma), dem Olymp neuerer Kunstgeschichte, präsentierte. Nach Lektüre des Artikels war dem Wiener Arzt nicht mehr nach Feiern zu Mute: Eines der im Moma gezeigten Bilder, Egon Schieles „Bildnis Wally“, sei 1938 der Kunsthändlerin Lea Bondy-Jaray von ihrem Salzburger Kollegen Friedrich Welz abgepresst worden; und Leopold habe das gewusst, als er es nach dem Krieg erwarb.

In der Folge wurde „Wally“ und ein weiteres Bild von US-Staatsanwalt Robert Morgenthau als Diebesgut beschlagnahmt. „In dem Artikel stand eine Lüge nach der anderen“, ärgert sich Leopold. Und über das Schreiben, das sein Wissen über die wahre Provenienz beweisen soll, sagt er: „Dieses Briefchen ist eine Erfindung; Bondy hat es zusammen mit dem alten Otto Kallir (Schiele-Experte und Leopold-Konkurrent, Anm. d. Red.) aufgesetzt.“ Leopold ist überzeugt: „Sie hat es an Welz verkauft.“

Was manche zunächst noch als Kampagne der „Ostküste“ gegen Österreich kleinredeten, stimmte die österreichischen Behörden nachdenklich. Was wusste man eigentlich über die Praktiken der Nationalsozialisten, um an jüdische Sammlungen heranzukommen? Und wie verhielt es sich mit jenen Kunstwerken, die nach dem Krieg in dubiosen Tausch- und Verkaufsgeschäften den Eigentümern ein zweites Mal abgeluchst wurden? Endlich öffneten sich die Archive der Bundesmuseen und des Bundesdenkmalamts, und im März 1998 nahm eine Kommission für Provenienzforschung ihre Tätigkeit auf, um die Fragen zu den Eigentumsverhältnissen während der NS-Herrschaft und der Nachkriegszeit aufzuklären. Im Spätherbst 1998 wurde schließlich das Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen beschlossen. Die Stadt Wien und die Bundesländer (mit Ausnahme Tirols) zogen mit eigenen gesetzlichen Regelungen nach.

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