Tier der Woche

Rinnsal


Peter Iwaniewicz

Stadtleben, FALTER 08/08 vom 20.02.2008

Normalerweise finden sich Artikel über Inkontinenz nur in medizinischen Fachblättern oder Zeitschriften mit einer Zielgruppe 60 plus. Doch diese Headline war offenbar zu schön, als dass sie vom Rest der Medienwelt ignoriert werden konnte: "Stöckelschuhe können Inkontinenz vorbeugen". Vom Spiegel abwärts wurde der Leserbrief einer italienischen Urologin in einem wissenschaftlichen Journal ausgiebig kommentiert. Die Forscherin wollte in einer Studie herausgefunden haben, dass das Tragen von Highheels den Beckenboden und damit auch die Urogenitalmuskulatur trainiert. Die sogenannte Yellow Press (sorry, zwanghafte Witzelei) ignorierte den Teil mit der Harnzurückhaltung und schwallte: "Absätze machen sexy und verbessern das Sexleben." Offenbar sprudelte es bei der Recherche nicht so heftig, denn eigentlich hatte Maria Cerruto von der Universität Verona nur auf eine andere Publikation geantwortet, in welcher der schwedische Wissenschaftler Jarls Flensmark eine eher krude Theorie über den Zusammenhang von Schizophrenie und dem Tragen von hohen Absätzen hergestellt hatte. Demzufolge hätte sich mit der Einführung von Stöckelschuhen in unserer Kultur auch diese Geisteskrankheit weltweit verbreitet. Vor allem barfuß laufende Frauen aus südlichen Regionen würden bei Migration in den Norden und dem damit verbundenen Tragen von Schuhen daran erkranken.

Na ja, wenden wir uns einem wirklich ernsten Ereignis, dem Fällen der Sisi-Palme im Schönbrunner Palmenhaus, zu. Diese chinesische Fächerpalme ist zu groß geworden und kann, da Palmen mehr Gräser als Bäume sind, nicht zurückgeschnitten werden, ohne zur Gänze einzugehen. Das betrübt uns nicht so sehr, als vielmehr der Umstand, dass Palmenhäuser Orte ausgesuchter Langeweile sind, die nur von Botanikern oder Familien, die ihre Kinder besonders streng bestrafen wollen, besucht werden. Die palmwedelige Atmosphäre könnte durch das Aussetzen des größten wirbellosen Tieres der Erde an Spannung gewinnen: Der Palmendieb, Birgus latro, ein landlebender Krebs mit einer Spannweite zwischen den Scheren von bis zu einem Meter, klettert gerne auf Palmen und ernährt sich von deren Früchten. Trotz seiner Fähigkeit selbst Kokosnüsse zu knacken, ist er für Menschen nicht gefährlich. Die Tiere erreichen ein Gewicht von fast drei Kilogramm und haben damit nicht nur viel, sondern auch schmackhaftes Fleisch, das man im Fall allzu heftiger Vermehrung an der Palmenbar cross gebraten anbieten könnte. Bundesgärten, pimp your Palmenhaus!

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