Gotham Neubau

Gothics, Emos und andere sinistre Gestalten: Ausgerechnet der grün regierte siebte Bezirk entwickelt sich gerade für die schwarze Szene Wiens zum Paradies. Besser gesagt zum Inferno.

Barbara Zeman, Florian Obkircher
STADTLEBEN, FALTER 13/08 vom 25.03.2008

Lukas Emperer sieht aus wie ein Nazi. Das Gute: Er ist keiner. Mit seiner Militäruniform und den im Nacken ausrasierten Haaren gehört er zu den „Neo-ukas ukas Emperer sieht aus wie ein Nazi. Das Gute: Er ist keiner. Mit seiner Militäruniform und den im Nacken ausrasierten Haaren gehört er zu den „Neo-Folks“ und ist somit Teil der vielschichtigen schwarzen Szene aus Gothics, Emos und anderen düsteren Gesellen. Der 16-Jährige, der an der Modeschule Herbststraße Logistik lernt, schlägt bei der Begrüßung die Hacken zusammen. Ansonsten sieht er eher aus, als könnte er keinem Blümchen etwas zuleide tun. Sein zweites Wohnzimmer hat er in der Neubauer Hermanngasse gefunden. Im Blackorange. Besitzer ist Gutgolf, 39, der den Namen des „Herr der Ringe“-Zauberers Gandalf adaptiert hat. In dem auf Uniformen, Lacksachen, Skelettschmuck und Opulentes aus Rüschen und Tüll spezialisierten Geschäft herrscht Kränzchenstimmung. Ein Kaffeehaus, in dem sich Gruftis treffen könnten, gibt es in der Nähe der Mariahilfer Straße keines. So avancierte das schwarze Sofa im Blackorange zum Epizentrum des nachmittäglichen Schwatzens vermeintlich finsterer Zeitgenossen. Die machen es sich hier mit Einkaufstaschen naher, ähnlich ausgerichteter Geschäfte unterm Arm gemütlich.
  Seit gut zwei Jahren ist Neubau fest in schwarzer Hand. In über zehn einschlägigen Shops wird zwischen Mariahilfer Straße und Neustiftgasse feilgeboten, was der Grufti von heute so zum Leben braucht. Von Lebensnotwendigem wie schwarzem Nagellack, Silberschmuck oder Samtgewand über Fetischmode bis hin zum Fantasy-Outfit – in Sachen Gothic-Shopping lässt der eigentlich doch so grüne Bezirk keinerlei Wünsche offen. Das will etwas heißen. Denn auch wenn die schwarze Szene hierzulande ein popkulturelles Nischendasein fristet, ist sie doch so heterogen wie kaum eine andere Jugendkultur. Das kann Matthias Lueger nur bestätigen. Der 28-jährige Student betreibt seit 1998 das Onlineportal gothic.at. Ursprünglich als Chatroom für die lokale Community gegründet, hat die Website heute 3000 registrierte User und stellt somit das größte heimische Forum der Szene dar.
  „Gothic ist ja nicht nur Joy-Division und New-Wave-Kultur der frühen Achtzigerjahre“, sagt Lueger. Mittlerweile haben sich da irrsinnig viele Subgruppierungen herausgebildet. Angefangen von der Elektronikfraktion, die auf Muskelshirts und Stiefel steht, über die Mittelalterrollenspieler mit ihren Fantasiekostümen bis hin zu den Lack-und-Leder-Anhängern oder jungen Punk-Goths mit toupiertem Haar und Lederjacke – sie alle fühlen sich als Teil der schwarzen Szene. Laut ­Lueger eint sie im Grunde alle eine ­gewisse Grundhaltung: „Gothic geht weit über Friedhofklischees und Schwarz-Weiß-Ästhetik hinaus. Unsere Kultur ist ein stiller Protest gegen­über gesellschaftlichen Restriktionen. Die Schlüsselfarbe Schwarz dient uns dabei als Abgrenzungsmoment.“ Dennoch fällt es dem Szeneveteranen heute immer schwerer, die neuen Entwicklungen in seinem Umfeld ernst zu nehmen. Als er nämlich Anfang der Neunzigerjahre begann, seine Gesinnung nach außen sichtbar zu tragen, gab es die Grufti-Konsummeile Neubau noch nicht. „Wir haben unsere Kleider damals am Flohmarkt zusammengesucht oder uns selbst an die Nähmaschine gesetzt. Dafür waren die Outfits wirklich individuell. Heute ­legst du ein paar hundert Euro auf den Tisch und spazierst in voller Gothic-Montur aus dem Laden. Grufti von heute auf morgen? Das geht einfach nicht!“

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