Zeitenwandel

„The wind of change is blowing through this continent. Whether we like it or not, this growth of national consciousness is a political fact“ (Premierminister Harold Macmillan, 1960)

Peter Iwaniewicz
FALTERS ZOO, FALTER 13/08 vom 26.03.2008

Zeichnung: Bernd Püribauer

Erinnerungen im „Bedenkjahr 2008“. Was geschah 1978? Die italienische Krimikomödie „Die Kröte“ lief im Kino, die Firma Bosch brachte das erste elektronisch gesteuerte Antiblockiersystem (ABS) auf den Markt und Autofahrerklubs warnten im Monat März vor Unfällen, die durch massenhaftes Auftreten von Kröten auf den Straßen verursacht würden. Zarte Knospen einer kommenden Umweltbewegung waren schon zu erkennen: „Alternative“ sammelten Altpapier, empfanden Atomkraft nicht als „saubere“ Energie und machten sich über den bemerkbaren Rückgang von Amphibien Sorgen. Die alljährlich im Frühjahr stattfindenden Krötenwanderungen wurden seitens der Stadtverwaltung eher als Reinigungs- denn als Naturschutzproblem gesehen. Als Faustregel galt: Vier bis zwölf Autos pro Stunde verringern die Population um zehn Prozent, mehr als sechzig Autos sind eine unüberwindbare Barriere auf dem Weg zu den Laichgewässern. Aktivisten begannen damals, auf der Exelbergstraße im Wienerwald mit niedrigen Zäunen die Erdkröten am Queren zu hindern und sie in Kübeln über die Straßen zu tragen. Ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel hatte eingesetzt, der sogar Kröten, die nicht nur als hässlich, sondern seit alters als verflucht galten, ein Existenzrecht als Bestandteil menschlicher Umwelt zugestand. „Wie muss ich meinem Schöpfer danken / dass ich nicht eine Kröte ward / die ohne sittliche Gedanken / im Kote sich nur wälzt und scharrt“, so definierte der Biedermeierdichter Ludwig Eichrodt diese Tier-Mensch-Beziehung.
Kurz nach der Einführung der Antibabypille entwickelte der argentinische Arzt Galli-Mainini 1961 eine Methode zum Nachweis einer Schwangerschaft, die umgangssprachlich auch „Krötentest“ genannt wurde. Bei dieser nach ihm benannten Galli-Mainini-Reaktion wurde der Urin einer schwangeren Frau einer männlichen Erdkröte in den Lymphsack des Rückens eingespritzt. Konnte man nach etwa zwölf Stunden in den Ausscheidungen des Amphibiums unter dem Mikroskop Spermien sehen, dann hatte die Frau durch das von ihr gebildete Schwangerschaftshormon Choriongonadotropin diese Spermienbildung beim Frosch ausgelöst.
Heute, dreißig Jahre später, hat man andere Schwangerschaftstests und die Umweltschutzabteilung der Stadt Wien begleitet ganz professionell die an den Iden des März einsetzenden Krötenwanderungen. Es gibt doch Licht am Ende des Krötentunnels.


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