Die Stadt und ihre Kulissen

Der neue Pratervorplatz wurde zur Millionenpleite. Das Ausgleichsverfahren zeigt nun, wie das Rathaus öffentliche Gelder verschwendete und Baufirmen in Not brachte. Die Geschichte einer Wiener Baustelle.

Joseph Gepp
STADTLEBEN, FALTER 36/08 vom 02.09.2008

So richtig passt er nicht hierher, der Mann mit gestreiftem Businesshemd und Anzughose, der da zwischen spielenden Kindern und japanischen Touristen im Wurstelprater herumstreift. Er presst sein Ohr an eine Säule, klopft sachte und lauscht, ob ein Hohlraum dahinterliegt. Er schreitet mit halbgeschlossenen Augen eine Fassade entlang und zählt seine Schritte, um die Seitenlänge herauszufinden. Sein Fingernagel fährt eine Mauerritze entlang, und dann fasst er an eine Wand und zerreibt Putzbrösel zwischen den Fingern. Johann Waldner, 53, aus Walchsee in Tirol ist gerichtlich beeideter Bausachverständiger. Man ruft ihn normalerweise, wenn zum Beispiel ein Häuslbauer eine Baufirma klagt, weil Regenwasser in sein Wohnzimmer tropft. Dann prüft Waldner im Auftrag des Richters, ob der Vorwurf gerechtfertigt ist und Schadenersatzanspruch besteht. Jetzt steht der Bausachverständige auf Wunsch des Falter im Prater, auf dem neugebauten Wiener Riesenradplatz. Er dreht eine Runde um die vier umstrittenen Betongebäude mit den knallbunten, pseudo-historischen Styroporfassaden. Um wie viel Geld hätten sich die Bauten auf insgesamt 19.000 Quadratmeter Grundfläche realisieren lassen? „Konservativ geschätzt: Ich würde grob von zirka zehn Millionen Euro ausgehen“, sagt Waldner, nachdem er seinen Rundgang beendet hat.

Es waren nicht zehn, sondern 28 Millionen Euro, die das neue Praterentree kostete. Diese Summe brachte das Unternehmen, das den Bau plante und durchführte, an den Rand des Bankrotts. Seit Monaten ist die Firma Explore5D zahlungsunfähig. Mitte vergangener Woche schaffte sie nach einer turbulenten Sitzung am Wiener Handelsgericht den Ausgleich. Den Preis dafür zahlen vor allem die über 100 Betriebe, die im Auftrag von Explore5D auf der Baustelle gearbeitet haben: Sie müssen auf rund zwei Drittel des Lohns verzichten, der ihnen für ihre Leistung versprochen wurde. Es handelt sich dabei großteils um kleine Wiener Bauunternehmen. Schuld am Debakel geben viele von ihnen der Stadtverwaltung: „Wir dachten, wenn die Gemeinde dahintersteht, dann müssen wir uns keine Sorgen um unser Geld machen“, sagt einer der betroffenen Geschäftsführer, Thomas Wasshuber von der Stahl- und Messebaufirma Bruckschwaiger in Langenzersdorf. Die Gemeinde schweigt zu solchen Vorwürfen. Seit Monaten sagen Pressesprecher und Rathausbeamte meist dasselbe, wenn man sie nach der politischen Verantwortlichkeit fragt: kein Kommentar, solange die Geschichte noch läuft.

Dabei „läuft“ die Geschichte schon ziemlich lange. Sie betrifft nicht nur den Prater und nicht nur Wien. Sie handelt davon, wie öffentliche Institutionen neuerdings wirtschaften. Einerseits schaffen sie sich Konstrukte, die Geschäfte unter privatwirtschaftlichen Bedingungen ermöglichen. Diese privaten Kulissen tragen dann komplizierte Namen wie Ausgliederung, Umstrukturierung oder Public- Private-Partnership. Andererseits gehen die öffentlichen Institutionen Verträge mit Privatunternehmen ein, auf die sie dann Verantwortung abwälzen. Im Fall des Praters war das Unternehmen eine Volksbank-Tochter namens Immoconsult, und die privatwirtschaftliche Kulisse nannte sich Leasingfinanzierungsmodell. Im Graubereich zwischen Politik und Wirtschaft lassen sich Geschäfte schneller und einfacher machen. Dafür kommt die politische Verantwortung ebenso leicht unter die Räder wie die unternehmerische Vernunft: Die Verantwortung teilt man mit dem Privaten. Und während Unternehmer ihre Gewinne investieren, geben öffentliche Institutionen meist das Geld der Steuerzahler aus. „Man schmückt sich mit dem strahlenden Emblem der Marktwirtschaft, aber in Wirklichkeit ist das reine Inszenierung. In Wahrheit werden die Grauzonen größer, die Wege verschlungener und die Konstrukte undurchsichtiger“, sagt der Wiener Stadtplaner und kritische Publizist Reinhard Seiss.

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