„Wir brauchen eine gemeinsame Wahrheit“

Politik, FALTER 46/2008 vom 12.11.2008

Die serbische Menschenrechtlerin Nataša Kandiæ dozierte in Wien über die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen am Balkan

Interview: Stefan Apfel

Vergangene Woche fand an der Uni Wien eine hochkarätig besetzte Konferenz zur Vergangenheitsbewältigung am Balkan statt. Rund ein Jahr bevor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag die letzten Anklagen abschließen wird, diskutierten Politiker, Journalisten und Menschenrechtler aus Ex-Jugoslawien über die Aufarbeitung der Gräuel des Krieges. Die prominente serbische Menschenrechtsaktivistin Nataša Kandic´ hielt die Schlüsselrede.

Falter: In Serbien werden Sie seit Jahren angefeindet. Der Westen hat Sie hingegen zur Heldin erklärt. War das kontraproduktiv?

Nataša Kandiæ: Ja. In Nachkriegsgesellschaften ist das eine normale Entwicklung. Ich habe über die Fakten gesprochen, die sie nicht hören wollten. Der Bruch kam im Juni 2005. Damals habe ich ein Videoband veröffentlicht, auf dem die Exekution von sechs Muslimen aus Srebrenica zu sehen war. Zum ersten Mal sahen die Menschen die Gesichter der Opfer und der Täter. Es war das erste Mal, dass sich die serbische Gesellschaft auf die gerechte Seite stellte.

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