Hohe Sprünge in einer Choreografie des Zufalls als Verweis auf Tiere und die Landschaft Amerikas

Feuilleton, FALTER 32/09 vom 05.08.2009

Nachruf: Bettina Hagen

Der lange Nacken und die hohen Sprünge des Merce Cunningham brachten den Ballettkritiker der New York Times noch in dessen Nachruf auf den im Alter von 90 Jahren verstorbenen Tänzer und Choreografen ins Schwärmen. Cunningham ist dem amerikanischen Modern Dance zuzurechnen, seine Tanztechnik verlangt extreme Körperbeherrschung und bestand aus einem schier unerschöpflichen Bewegungsreservoir, dessen Elemente er zu aleatorischen Abfolgen kombinierte. Dass Cunningham die wichtigsten bildenden Künstler seiner Zeit mit Bühnenbildern beauftragte und seinen Lebenspartner John Cage die Musik zu vielen seiner Stücke komponieren ließ, verlieh ihm auch über die Grenzen des Tanzes hinaus Bedeutung.

Der junge Choreograf Boris Charmatz, der jüngst ein Musée de la Danse in Rennes begründete, war mit seinem ersten „Museumsstück“ gerade bei Impulstanz zu Gast. Gewidmet ist es Merce Cunningham. „Als Ballettstudent hat mich zunächst Cunninghams Buch, Der Tänzer und der Tanz‘ beeindruckt. Es geht in Cunninghams Werk ja nicht nur um Bühnenstücke und Bewegungstechnik, sondern dieses beinhaltet auch philosophische Betrachtungen sowie Zeichnungen.“

Ein anderes Buch verhalf Charmatz zu weiteren Einsichten in die spezifische Arbeitsweise Cunninghams. Anhand der mehr als 300 abgedruckten Fotos aus fast allen Stücken ergab sich nämlich eine Art eigener Choreografie – von einer Pose zur nächsten: „So entsteht zwar kein organischer Bewegungsablauf, sondern der Eindruck von Zufälligkeit, aber ich sehe darin große, klare Bewegungen, die einer amerikanischen Landschaft zuzuordnen sind.“ In Wien brachte Charmatz seinen Meta-Cunningham mit den Teilnehmern eines achttägigen Workshops, allesamt selbst junge Choreografen, auf die Bühne. Charmatz’ Resümee: „Mich faszinierten seine tierartigen Bewegungen am meisten, die Spannung zwischen der Abstraktion und dem Tierischen.“

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