Ein paar Bier übern Durst mit Leberkäs und Wurst

Feuilleton, FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Heftig, hymnisch und sehr lustig: Auf 18 Seiten erzählt Thomas Wolfe von einem Erweckungserlebnis namens "Oktoberfest"

Buchbesprechung: Klaus Nüchtern

A ls "literarisches Wiesn-Schmankerl", "a literary tidbit from the Munich Beer Festival" wird dieses zweisprachige Büchlein ausge-wiesen, das zum 200. Geburtstages des Oktoberfestes erschienen ist und neben der 18-seitigen Erzählung (auf Englisch: 16) noch einen Brief des Autors an seine Förderin und Geliebte sowie ein Nachwort von Herausgeber Horst Maria Lauinger über "Thomas Wolfes Wiesn-Leidenschaft" enthält.

Das alles kommt also eher als Weißwurstcarpaccio denn als Schweinshaxn mit Beilage daher, aber wer erst mit der Lektüre begonnen hat, merkt schnell, dass er hier ein hochprozentiges literarisches Cholesterinkonzentrat zwischen den Zähnen hat, so wie sich auch dem Ich-Erzähler, dem die Wiesn vorerst "einem kleinen, mittelprächtigen Coney Island zu gleichen" scheint, das animalische Wesen des Oktoberfestes bald zu erschließen beginnt: "An Hunderten von Tischen saßen Leute zusammen und verschlangen Tonnen von Fleisch - Ochsenfleisch, große Teller voll aufgeschnittener kalter Würste, dicke Scheiben von Kalb und Schwein, nebst großen Steinkrügen, in denen jeweils ein guter Liter des kalten und starken Oktoberfestbieres schäumte."

Enttäuscht und angeekelt, dann zusehends angezogen wird der germanophile Wolfe, der sich im richtigen Leben auf der Wiesn zuerst halb totgesoffen hat und bei der anschließenden Rauferei halb totprügelt wurde, schließlich in orgiastischer Begeisterung "ein Teil des großen Tieres" - nicht ohne davor eine oktoberbierstarke Vision vom barbarischen Wesen der Germanen zu entwickeln, bei der sich der Leser halb totlachen muss. Ein Prosit auf Thomas Wolfe!

Thomas Wolfe: Oktoberfest (zweisprachig). Deutsch von Irma Wehrli. Herausgegeben v. Horst M. Lauinger. Manesse,

107 S. ? 10,30

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