Ohren auf

Wienerlieder - klassisch, aber auch nicht

Sammelkritik

Gerhard Stöger
Feuilleton, FALTER 28/11 vom 13.07.2011

Das Kollegium Kalksburg spielt Wienerlieder mit ausgeprägter Lust am Experiment, ihre Wurzeln haben die drei Musiker jedoch im Jazz. Passend also, dass sich das Kollegium vergangenes Jahr für eine Konzertreihe im Porgy & Bess mit sechs Jazzern auf ein Packl haute und zum Klangkombinat Kalksburg anwuchs. Dass Behübschung dabei definitiv nicht Ziel der Übung war, beweist der Doppel-CD-Mitschnitt "Schee is wos aundas Vol. 1+2“ (Off Shore). Die Mischung aus raunzertem Wienerlied und teils doch sehr freiem Jazz ist eigenwillig, aber interessant, und spätestens wenn Udo Jürgens’ "Liebe ohne Leiden“ geherzt respektive in den Schwitzkasten genommen wird, hat das Klangkombinat alle Lacher auf seiner Seite.

Dezenter ist "Alles in Butter“ (Non Food Factory) angelegt, das neue Album von Bohatsch & Skrepek. Es klingt, als wäre ein österreichischer Dialektliedermacher aus den 70er-Jahren durch ein Zeitloch gepurzelt und hätte unterwegs eine Hochzeitskapelle aufgegabelt, die ein bisschen Jazz ebenso im Programm hat wie diverse Weltmusikspielarten; ja sogar ein wenig Elektronik ist mit dabei.

Und siehe da: Es klingt nicht aufgesetzt und bemüht, sondern durchwegs stimmig. Textlich schielt manches zwar unnötig auf die Kleinkunstbühne oder gibt sich allzu poetisch; in den ernsthaften Momenten sind Bohatsch & Skrepek aber durchaus hörenswert.

Was anderswo "Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“ heißt, wird im Wienerlied zu "Wein, Weib & Gesang“. Das Kurt Girk Trio wandelt dieses Motto charmant ab und fordert im Titel seiner neuen CD "Küssen! Singen! Trinken!“ (Fischrecords). Begleitet von Rudi Koschelu an der Kontragitarre und Herbert Bäuml am Akkordeon singt sich der 79-jährige Heurigenliedveteran Kurt Girk, der liebevoll "Frank Sinatra von Ottakring“ genannt wird, durch klassisches Wiener Liedgut, das Schwermut und Schmäh eint: "Wer ned singt, der hod ka Herz im Leib, wer ned trinkt, hod an schwochn Vastond, der ned liabt, der muaß ins Kammerl geh’n und duad im Winkerl steh’n vua lauta Schand.“

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