Wuk für immer

30 Jahre soziales Experiment: Das Wiener Werkstätten- und Kulturhaus feiert Jubiläum

Christopher Wurmdobler
STADTLEBEN, FALTER 39/11 vom 27.09.2011

Willst du zu uns raufkommen?“, fragen zwei Mädchen den Besucher von ihrem Hochsitz herunter. „Aber ich hab ja meine Schuhe noch an!“ Im Schulkollektiv des Wiener Werkstätten und Kulturhauses Wuk trägt man Pantoffeln oder Socken. „Das ist egal, komm rauf!“ Die Betreuerinnen staunen. Es sei, sagen sie später, eine große Ehre, dass man als Erwachsener in so ein Kinderhaus eingeladen werde. Die Holzhütten in luftiger Höhe, in allen Schulräumen grob zusammengebaut, sind nur über steile Stiegen oder Leitern zu erreichen. Die Mädchen haben ihr „Kletterhaus“ mit Decken verhängt, damit die Bewohner vom „Bubenhaus“ vis-à-vis nicht reinschauen können.

Viel gibt es in der Hütte jetzt, zu Beginn des Schuljahres, aber noch gar nicht zu sehen. In ein paar Wochen werden die Häuser mit Spielzeug, Büchern und Fundstücken angeräumt sein. Geputzt? Wird nicht. Die Luftschlösser sind Rückzugsgebiet, Pausenort und Spielplatz zum Schlafen, Lesen und Unfugmachen. Vor allem dürfen sie nur auf ausdrückliche Einladung betreten werden. Wer hier nicht wohnt, hat hier nichts zu suchen, basta. Wer wo wohnen darf, entscheiden die Kinder basisdemokratisch bei zweimal die Woche stattfindenden Plenumssitzungen, in denen auch andere Regeln des Zusammenlebens und -lernens besprochen werden.

Selbstgestaltung, Mitbestimmung, Freiraum, gemeinsam getroffene Regeln sind das Wuk-Prinzip. Das Schulkollektiv spiegelt dabei nur das Große im Kleinen. Denn tatsächlich funktioniert das Wuk, zu dem das freie Schulprojekt zählt, ähnlich. Auch hier wird basisdemokratisch entschieden, wer welchen Raum benutzen darf, welchen Saal und welches Atelier. Und was wo passiert. Immerhin: Die Schuhe darf man dabei anlassen. Schon seit 30 Jahren.

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  2059 Wörter       10 Minuten

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