Betragensnote Ulrich: sehr brav

Das ehemalige Spatzennest am Ulrichsplatz wurde zur adretten Szenehütte


FLORIAN HOLZER

13.01.2014

Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Schon klar, Punk ist tot. Destruktion wurde als destruktiv erkannt. Bewusstsein, Verantwortung und Individualität betreiben den Gesinnungsmotor. Eh super.

Könnte allerdings sein, dass uns das recht bald ein bisserl fad wird. Also zumindest, was die Lokale betrifft. Fast alles, was in den vergangenen Monaten aufmachte, war unheimlich nett, unheimlich positiv und unheimlich Mainstream-orientiert. Die argen, extravaganten, speziellen Sachen zogen sich in eine nur für eine informierte Minderheit wahrnehmbare Pop-up-Nische zurück.

Das neue Ulrich, vom ehemaligen Café-Halle-Mann Gerald Bayer kurz vor Weihnachten am Ulrichsplatz eröffnet, ist an Nettheit jedenfalls kaum zu übertreffen. Schon der Platz mit dem barocken Kircherl ist so unglaublich nett, bei Schneelage kann man hier rodeln; ein paar nette Boutiquen, Galerien und einen netten Bürgergarten gibt’s. Eines der nettesten Stadt-Hotels ist gleich ums Eck, der malerische Spittelberg ganz nah, und jetzt mit dem Ulrich endlich ein Lokal, in dem alles freundlich, hübsch und gut ist, ein Lokal, in dem sich der jungdynamische Leistungsträger ebenso wohl fühlt wie auch seine Schwiegermutter. Extra-Easy Listening aus dem Lautsprecher, sanftes, gelbes Licht, das schmeichelnd unsere Gesichter glättet, der graue Boden, das graue Mobiliar unterstreichen dezent die geschmackvollen Kontraste unserer Markenkleidung.

Die Karte bietet uns das, was wir gerne haben, kleine, aromatisch originelle Happen aus aller Welt, formschön präsentiert, die wunderbaren Pimientos del Padron, zum Beispiel, die pikanten, (etwas sehr weich) gegrillten grünen Minipaprika aus Galicien. Warum die Feta-Brösel da dabei sind? Na des Kontrasts wegen wahrscheinlich (€ 6,–). Die in Five-Spice-Lauge fast schon Marzipan-mürb marinierten Schweineripperln präsentieren sich recht süß, farblich auch eher deutlich, fallen von alleine vom Knochen und haben mit gehobeltem Rotkraut mit Minze und Olivenöl eine fast originelle Begleitung. Ja, man hätte sie auch knackiger, weniger weich machen können
(€ 4,50).

Und dann der Flammkuchen, hier „Flat Ulrich“ genannt: natürlich auf dem Holzbrett serviert, viel Paradeissauce, ein paar Chorizo-Scheiben (hey, Weltküche again!), ein Haufen Rucola. Warum nicht, wirklich bleibend war der Eindruck aber halt auch nicht
(€ 6,50).

Bei den Hauptspeisen irrlichtert die Küche ein bisschen durchs mediterran-alpin-asiatische Universum, die gebratene Maishendlbrust mit Nockerln und Selleriegemüse kam an die weitaus pointierter konzipierten Vorspeisen jedenfalls nicht heran (€ 13,–). Cocktails gibt’s auch, mit selbst angesetzten Infusionen, eh klar, eher süß.

Das Ulrich ist wahnsinnig professionell, hübsch, ordentlich und wird passabel bekocht. Aber ein bisserl sehr Mainstream halt schon.

Resümee:

Ein Lokal, das der Nett- und Hübschheit seines Grätzels voll entspricht. Auf einen Flammkuchen mit den Schwiegereltern.

Ulrich, 7., St.-Ulrichs-Pl. 1,
Tel. 01/961 27 82, tägl. 9–2 Uhr,
www.ulrichwien.at

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

Anzeige

Anzeige