Wurstelei

Rätselhafte Welt der Fleischproduzenten. Der Gründer der gleichnamigen Fleischhändlerkette Franz Radatz senior meinte im Standard: "Eine Wurst ist ein Lebewesen, die kann man nicht einsperren."

Peter Iwaniewicz
FALTERS ZOO, FALTER 42/14 vom 14.10.2014

Zeichnung: Bernd Püribauer

Rätselhafte Welt der Fleischproduzenten. Der Gründer der gleichnamigen Fleischhändlerkette Franz Radatz senior meinte im Standard: „Eine Wurst ist ein Lebewesen, die kann man nicht einsperren.“ Hat die Redakteurin Vergangenheit und Gegenwart missverstanden und es sollte eigentlich heißen, dass auch Würste einmal Lebewesen waren? Oder ist dies ein Hinweis auf jenen Geisteszustand, den man in der Psychologie als Animismus bezeichnet? Manche Leute sehen in unbelebten Objekten Lebewesen und weisen ihnen menschliche Eigenschaften zu. Dieses Phänomen gibt es nicht nur bei Naturvölkern, sondern vielleicht auch unter Fleischhauern. Das angeprangerte Einsperren von Würsten hingegen bezog sich nicht auf die sie umgebende Haut, sondern Radatz sen. meinte den Trend in Supermärkten, diese Fleischwaren abgepackt anzubieten.

Das macht seine Aussage gleich weniger rätselhaft. Denn seit 1997 gibt es in der EU die Etikettierungsrichtlinie QUID (Quantitative Ingredient Declaration). Diese ist jedoch nur für Fleischerzeugnisse in Fertigpackungen vorgeschrieben, wildlebende Würste – wie es Franz Radatz sen. formulieren würde – sind davon ausgenommen.


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Doch selbst dann, wenn ein Hersteller Angaben über den Inhalt seiner eingesperrten Wurst machen muss, ist nicht immer klar, was überhaupt mit „Fleisch“ gemeint ist. Gemäß Lebensmittelkennzeichnungsverordnung handelt es sich dabei um „Skelettmuskeln von Tieren der Spezies ‚Säugetiere‘ und ‚Vögel‘, die als für den menschlichen Verzehr geeignet gelten, mitsamt dem wesensgemäß (!) darin eingebetteten Gewebe, deren Gesamtanteil an Fett und Bindegewebe definierte Werte nicht übersteigt“. Damit ist das Zwerchfell „Fleisch“. Herz und Zunge gehören hingegen nicht dazu und damit auch nicht in eine Wurst.

Mathematisch interessant ist, dass Salami aus mehr als 100 Prozent Fleisch besteht. Denn da die Wurst bei der Herstellung durch Verdunstung von fleischeigenem Wasser an Gewicht verliert, dürfte man auf eine Vollsalami auch „135 Prozent Fleischanteil“ schreiben. Korrekt ist es auch, 100 Prozent anzugeben und nur 75 Prozent einzufüllen.

Zum Abschluss nochmals Franz sen.: „Es gibt ja Leute, die sind der Meinung, Tiere haben dasselbe Recht wie der Mensch. Die muss man einfach in Ruhe lassen und streicheln.“ Die Streicheleinheiten sollen aber wahrscheinlich nicht den Tieren, sondern diesen seltsamen Menschen gelten.

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