Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Vinyl-Reissue der Welt der Woche

Als in Tirol die Progrockbärte wucherten

Gerhard Stöger
Feuilleton, FALTER 44/14 vom 29.10.2014

Der Progressive Rock der 1970er-Jahre war ein Irrweg der Popgeschichte. Aus dem Soundtrack der rebellischen Jugend haben junge Männer mit langen Haaren und langen Bärten damals eine Materialschlacht gemacht, zu der nur zugelassen wurde, wer sein Instrument seit Kindergartentagen professionell gelernt hatte. Das einzig Gute daran war, dass dadurch der Punk auf den Plan gerufen wurde, um mit beherztem Dilettantismus gegen das Virtuositätsgedaddel anzustinken.

Dass der Progrock einst auch in Österreich eine Dependance hatte, ist aber in der Tat nicht ganz uninteressant. Da gab es Bands mit klingenden Namen wie Paternoster, Klockwerk Orange oder Eela Craig. Allesamt haben sie in der ersten Hälfte der 1970er Platten veröffentlicht, die damals weitgehend unbeachtet blieben, während internationale Sammler die rarsten darunter heute um bis zu 1000 Euro handeln.

Auch "Isaiah" steht hoch im Kurs, die 1975 erschienene, sanft jazzrockige einzige LP des gleichnamigen Sextetts, das sich Anfang der 70er an der Innsbrucker Uni gefunden hatte. Aktuell wäre auf der Sammlerplattform Discogs etwa ein Exemplar um 418 Euro zu haben. Es gibt aber auch eine ungleich günstigere Möglichkeit, die Tiroler Aneignung von Jethro Tull, Genesis, Pink Floyd & Co in die Hand zu bekommen: Das tolle Austro-Reissue-Label Digatone hat "Isaiah" soeben neu aufgelegt, originalgetreu im halbesoterischen lila Kitschcover mit den sechs so bärtigen wie zottelhaarigen Musikern drauf. Als Bonus enthält eine zweite LP die Demos für das nie realisierte zweite Album der 1977 aufgelösten Band.

Progrock bleibt zwar Progrock. Aber es ist spannend zu hören, was da vor 40 Jahren subkulturell ging hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen.

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