"Rollenspiel" von Alan Ayckbourn: frühsommerlicher Theaterspaß im charmanten Kistl

Theaterkritik: Hermann Gütz
Lexikon, FALTER 24/15 vom 10.06.2015

Am letzten Zipfel der Rechbauerstraße findet sich ein großer Innenhof, der nur teilweise mit alten Industriegebäuden verbaut ist. In Verbindung mit dem eingedämmten Wuchern der Natur ist da eine urbane Idylle entstanden, die in Zeiten einschlägiger Retro-Trends das perfekte Setting für Foto-Shootings abgäbe. Tatsächlich ist hier auch ein Fotoatelier versteckt. Noch überraschender aber ist die Existenz eines Theaterbaues mitten im Hof. Vor langer Zeit waren dort Bühnenwerkstätten untergebracht, heute wird der kleine, im Sommer leicht muffige Raum, das sogenannte Kistl, von den Komödianten in St. Leonhard bespielt. Eva Schäffer, die Prinzipalin des gut 20-köpfigen Ensembles, war Kritikerin bei der Neuen Zeit. Die Wandgestaltung ist eine Reverenz an die Commedia dell'arte, die Kino- bzw. Theatersessel sind durchgesessen - aber Theatersessel.

Dass das Kistl sich als Zielgruppe besonders älterer Menschen annimmt (es wurde als "Seniorentheater" gegründet), ist nicht nur der Stückwahl anzumerken, sondern auch dem maßvollen Tempo der Aufführungen. So wird die aktuelle Produktion, die Boulevardkomödie "Rollenspiel" des Briten Alan Ayckbourn, eher nicht im rasanten Tür-auf-Tür-zu-Slapstick-Modus interpretiert. Regisseur Christian Linzbichler erzählt die Geschichte des jungen Paares, das seine sehr unterschiedlichen Eltern zu einem Verlobungsessen eingeladen hat, gemütlich und geradezu liebevoll. Wer die Leichtigkeit von Sommertheater mag, den Humor und, ja, auch den ambitionierten Dilettantismus, der wird hier glücklich, denn an Charme und Atmosphäre ist das Kistl nicht zu überbieten.

Kistl, Graz, So, Mi 19.30

ANZEIGE

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!