Ein Richtungsweiser

Warum sich Philipp Harnoncourt für den Erhalt eines bizarren, dreieckigen Gebäudes in Bruck einsetzt

Maria Motter
STEIERMARK, FALTER 51/15 vom 15.12.2015
Foto: J.J. Kucek

Foto: J.J. Kucek

Fährt man im Auto auf der Schnellstraße vorbei, erfasst man die Dimension nicht.

„Das Ganze ist wie ein Pfeil in den Himmel. Das ist die einzige Orientierung“, sagt Philipp Harnoncourt über die Heiligen-Geist-Kapelle in Bruck an der Mur. Es ist ein eigenwilliges Gebäude zwischen einer Böschung, die der Asfinag gehört, und einer Böschung, die den ÖBB gehört. Nicht gerade ein idyllischer Platz. Doch Philipp Harnoncourt sieht darin eine weitere Lebensaufgabe. „Ich habe mir gesagt, das ziehe ich durch. Und meine Geschwister haben die Bedeutung erkannt, und es wurde ein Förderverein zur Wiederherstellung der Heiligen-Geist-Kapelle gegründet.“ Sein Bruder, der berühmte Dirigent Nikolaus Harnoncourt, gab vor kurzem den Rückzug von der Bühne bekannt. Seit 2012 ist Philipp Harnoncourt mit seinem Projekt beschäftigt. „Es ist eine schöne Arbeit, nicht?“, erkundigt er sich bei Maler Reinhold Neuhold. Der zieht gerade feine, dunkle Striche am Eingangsportal. Die Trennlinien sind eine Tradition der Gotik. „Die Richtungen der Portale weisen in die Täler: Oberes Murtal, Mürztal, Unteres Murtal. Das wird kein Zufall gewesen sein.“ Philipp Harnoncourt ist 84, er trägt eine Skimütze und führt erst einmal rund um das bizarre Haus. Denn außen sieht es schon sehr schmuck aus.

Innen ist der Anblick ein anderer. Eine Wand in halber Höhe ist noch komplett verfliest, als wäre hier eine Küche abmontiert worden. Darüber – im einstigen obersten Stockwerk – erkennt man bei längerem Hinsehen eine Tapete. War dieser große, vor allem hohe Raum einmal ein Wohnhaus? „Oh, das Gebäude war alles!“, sagt Harnoncourt in Vorfreude, die Geschichte des Objekts zu erzählen. Nicht ohne auf die Details des skurril anmutenden Zustands im Inneren einzugehen. Harnoncourt deutet nach oben: „Da hatte man das Gewölbe weggenommen, weil oben noch ein Kinderzimmer war. Das ist eine sogenannte Safaritapete, es sind lauter kleine Autos darauf. 1965 war es Mode, Bubenzimmer mit Safaritapeten auszustatten.“ Irmengard Kainz vom Brucker Stadtmuseum recherchiert einstige Bewohner, sie trug Akten und Aufzeichnungen zusammen. Im kommenden Jahr beginnt die Innenrenovierung. Bei Harnoncourts erstem Besuch war die Stiege noch rumpelig. „Im Obergeschoß habe ich das Sterngewölbe gesehen. Sie haben gar keine Vorstellung, wie schön!“

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  1252 Wörter       6 Minuten

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