Stadtrand Urbanismus

Die Stadt wird beim Friseur verhandelt

Stadtleben, FALTER 24/16 vom 15.06.2016

Ein Besuch beim türkischen Friseur ist eine der wienerischsten Tätigkeiten, denen man überhaupt nachgehen kann. Davon abgesehen, dass man Eistee gratis kriegt und die meistens einfach verdammt gut Haare schneiden, wird hier noch darauf Wert gelegt, dass der Kunde umfassend über die wichtigsten Neuigkeiten aus dem Viertel in Kenntnis gesetzt wird.

Sie sprechen über die Polizistin vor der Tür, die in der Realityshow, in der sie mitmacht, immer so nett tut, es aber in echt überhaupt nicht ist.

Sie sprechen über die besten Shishabars der Gegend und darüber, ob sie sich für den Rest des Tages doch noch einen Mercedes ausleihen wollen. "Komm schon: du 40 Euro, ich 40 Euro."

Sie sprechen über den Terror in Istanbul und den Mord am Brunnenmarkt. Sie sprechen darüber, ob sie später gemeinsam fastenbrechen, und wenn ja, wo.

Sie sprechen über Gott und einen Jogginganzug um 140 Euro in einem Atemzug. Wobei Zweiterer brutal geil ist und Gott gewiss wichtiger als Politik. Sie sprechen über all das, was sie ehrlich zu beschäftigen scheint. Der ganze Salon redet mit. Schönes, kleines Stadtritual.

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