Wahrheit, nein danke!

Politiker und Medien behaupten, wir leben im „postfaktischen Zeitalter“ der Lügen. Stimmt das?

Benedikt Narodoslawsky
MEDIEN, FALTER 39/16 vom 27.09.2016
Illustration: Schorsch Feierfeil

Illustration: Schorsch Feierfeil

Vergangene Woche trat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vor die Presse, sie wirkte zerknirscht. Nachdem im heißen Herbst 2015 über eine Million Asylwerber nach Deutschland gekommen war, hatte die deutsche Regierung die Asylgesetzgebung verschärft und international Druck aufgebaut, um den Flüchtlingsstrom nach Deutschland zu drosseln. Die Zahl der Asylwerber ist mittlerweile stark gesunken. Trotzdem fordern laut einer Spiegel-Umfrage noch immer 82 Prozent der Wähler, die Flüchtlingspolitik sei „korrekturbedürftig“. Merkel stellte sich vors Mikro und sagte: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.“

Postfaktisch! Ein neuer Begriff hat den politischen Diskurs erobert. Erst vergangenen Donnerstag richtete der rote Bundeskanzler Christian Kern seinem schwarzen Regierungsmitglied Andrä Rupprechter über Twitter aus, dieser argumentiere beim Freihandelsabkommen CETA „postfaktisch“. Der britische Economist widmete dem „postfaktischen Zeitalter“ jüngst eine Covergeschichte, die Schweizer NZZ koppelt sie mit der Wortkreation „Nichtwissenwollengesellschaft“, der deutsche Spiegel zieht bereits Parallelen zur Paranoia der Jakobiner und des hohen Adels nach der Französischen Revolution.

Aber was heißt „postfaktisch“ überhaupt? Der Begriff (englisch: post-truth) taucht erstmals in einem Beitrag über die Klimapolitik in den USA auf der US-Umweltwebsite Grist auf. Kaum ein Thema ist wissenschaftlich so gut belegt wie der menschengemachte Klimawandel. Weil Klimaschutz viel Geld kostet, versuchten ihn Milliardenkonzerne und Konservative kleinzureden. Mit Desinformation, manipulierten Studien und PR-Spezialisten machten diese aus dem wissenschaftlichen Faktum eine Meinung. Heute erklärt nicht nur der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump den Klimawandel zur Lüge, auch Österreichs Oppositionsführer Heinz-Christian Strache zweifelt den menschengemachten Klimawandel öffentlich an.

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  2037 Wörter       10 Minuten

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