An ihren Eiern sollt ihr sie erkennen

In der Wachtelei im niederösterreichischen Wilhelmsburg züchtet Neo-Landwirt Manfred Seeböck nicht nur Wachteln, sondern auch andere, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen

GEORG RENöCKL
LANDLEBEN, FALTER 46/16 vom 15.11.2016

Foto: Georg Renöckl

Foto: Georg Renöckl

Kein Ei gleicht dem anderen. Getupft oder gefleckt, scharf konturiert oder eher verwischt gemustert, heller oder dunkler grundiert – wer die Kunst fantasievoller und variantenreicher Camouflage studieren will, soll sich eine Schachtel Wachteleier kaufen. Dabei wiederholen sich die Muster durchaus, nur eben selten in derselben Schachtel: „Die Eier sind der Fingerabdruck einer Wachtelhenne“, erklärt Wachtelbauer Manfred Seeböck. „Jede hat ihr eigenes Muster, das immer gleich aussieht.“ Ganz schön eigenwillige Vögel, diese Wachteln.

So wie ihr Herrchen, was nicht immer von allen positiv gesehen wird: „Für die meisten war ich einfach ein Spinner“, erzählt Manfred Seeböck über die Zeit der Gründung seines nahe Wilhelmsburg im niederösterreichischen Alpenvorland gelegenen Betriebs „Wachtelei“. Sechs Jahre ist das nun her. Die Gegend ist von behäbigen Vierkanthöfen und entsprechenden Betriebsgrößen geprägt – der Plan, eine Existenz auf einer Handvoll dieser kleinsten aller Hühnervögel aufzubauen, klang für viele Menschen dort einfach lächerlich. Wie zum Trotz lautet Seeböcks Motto, das auf jedem seiner Produkte prangt: „Es kommt nicht auf die Größe an.“ Wie sehr das stimmt, merkt man sofort nach der Ankunft in der Wachtelei: Das beeindruckend wilde Geschrei, mit dem die Wachtelhähne unbekannte Besucher empfangen, würde man den höchstens 20 Zentimeter großen Tierchen niemals zutrauen. Seeböck hält das stimmgewaltige, aus einer Kreuzung von japanischen und französischen Vorfahren hervorgegangene Geflügel in geräumigen Ställen. Dort können die Wachteln im Sand scharren, den sie auch zur Verdauung brauchen, und die in den Ställen verteilten Brocken aus Waldviertler Muschelkalk nach Lust und Laune mit den Schnäbeln bearbeiten. Austernschalen würden zwar den gleichen Zweck erfüllen und wären billiger, passen aber nicht zur Philosophie Manfred Seeböcks, der gerade gemeinsam mit Bio Austria Richtlinien zur biologischen Wachtelhaltung ausarbeitet – die gibt es derzeit nämlich noch nicht. Bei dieser Arbeit ist er voll in seinem Element: Das Tüfteln, Basteln und Ausprobieren von Neuem kennzeichnet den Werdegang des Wachtelbauern, der früher einmal Modelle für Lilienporzellan herstellte und später in die Autoindustrie wechselte. Als er diesen Job durch die Wirtschaftskrise verlor, machte er sich auf dem Bauernhof eines kinderlos gebliebenen Verwandten selbstständig und investierte das Ersparte in den eigenen Betrieb. Wachteln, deren Eier nicht nur gut schmecken, sondern wegen der darin enthaltenen Aminosäuren auch besonders gesund sind, faszinierten ihn schon lang – sie sollten nun die Basis für eine neue berufliche Zukunft werden. Der Neo-Landwirt absolvierte einen Facharbeiterkurs nach dem anderen, um Fruchtsäfte und Schnäpse herstellen sowie Geflügel halten, verarbeiten und verkaufen zu dürfen.

Beim Rundgang durch seinen Betrieb wird klar, wie kreativ Manfred Seeböck auch in seinem neuen Beruf geblieben ist: „Ich habe viele Standbeine“, erklärt der Chef der Wachtelei. Der 1918 erbaute kleine Bauernhof präsentiert sich heute wie eine Art Themenpark für selten gewordene oder überhaupt vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen. Die Ställe für Wachteln und Fleischhühner hat Seeböck selbst in den ehemaligen Kuhstall eingepasst, im leeren Verschlag daneben waren bis vor kurzem Perlhühner untergebracht, doch die hat er vor wenigen Tagen einem bekannten Wirt aus dem Tullnerfeld geliefert. Unter den Wachtelställen leben Vertreter verschiedener Kaninchenrassen, vom Grauen Riesen bis zum Dalmatiner, der das gleiche schwarz-weiße Fellmuster hat wie die dank des Disney-Films weltberühmten Hunde. In einem Tiefstreustall sind zwei rotfellige Pietrain- und zwei Turopolje-Schweine zu Hause, die Besuchern neugierig die Rüssel entgegenstrecken. Die Haltung im Freien hat Seeböck aufgegeben: „Die haben sich immer aus ihrem Gehege gegraben.“

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