Doris Knecht Selbstversuch

Zwischendurch mal aufatmen

Kolumnen/Zoo, FALTER 47/16 vom 23.11.2016

Am Sonntag habe ich es gerade noch in den Rabenhof zur Falter-Hass-Matinee geschafft. Ich hatte das irrtümlich einen Sonntag später verortet, glücklicherweise stolperte ich auf Facebook rechtzeitig über einen Hinweis vom Klenk, der den Sonntagsplan - nicht aufstehen, nicht anziehen, Rollo runter, "The Crown" rein -über den Haufen warf. Ich bin ja nicht unbedingt ein Fan von der Idee, Hasspostings und ihren Verfassern eine noch breitere Öffentlichkeit zu verschaffen. Ich nehme das, besonders wenn Hollywoodstars die schlimmsten fremden Hasskommentare vortragen, immer mit einer gewissen Skepsis zur Kenntnis: Wenn ich ein kleiner Hassposter irgendwo im Nirgendwo bin, ganz einsam mit meinem Smartphone, und ich sehe, wie die schlimmsten Hate-Postings von Cumberbatch, Gosling oder Gomez bei Kimmel interpretiert und damit quasi in Hollywood-Drehbuch-Status erhoben werden, dann schreib ich doch gleich auch eins, und zwar eins mit noch mehr Action.

Mit dieser Einstellung begab ich mich in den Rabenhof, um dort festzustellen, dass es überraschend guttat, einmal über den entsetzlichen, grausamen, menschenverachtenden Dreck zu lachen, den Menschen so auf Facebook gegen Asylwerber, Journalistinnen und Präsidentschaftskandidaten posten. Was diesfalls leicht ging, weil der Dreck von den großartigen Puppen von Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm vorgetragen wurde, begleitet von den famosen Liedern von Christoph &Lollo.

Der Herr Lollo hat danach gesagt, normalerweise, wenn sie ihre Lieder zu dem Thema spielten, hätten sie immer Sorge, dass das eine oder andere zu hart sei, aber diesmal seien diese Songs das Harmloseste, das, was die ganze Aufführung aufgelockert habe, wo man mal aufatmen konnte. Sie haben auch den "Internetforenposter" gespielt, und Lollo meinte, der kam ihm in dem Kontext alt vor. Aber ich fand gerade das interessant, weil es mich an die hitzigen Debatten erinnert hat, die wir vor ein paar Jahren über verbale Heckenschützen geführt haben, die in der Anonymität ihres Pseudonyms auf Journalisten losgehen. Und da hat es immer geheißen: Meinungsfreiheit.

Und dass diese Menschen den Schutz der Anonymität brauchen, damit sie einmal in Sicherheit ihre Meinung sagen dürfen! Ich erlaube mir, hier den Verdacht zu äußern, dass das zur jetzigen Hasskatastrophe beigetragen hat, dazu, dass alle Dämme brachen, weil das nicht von Beginn an geächtet wurde, unterbunden und abgestellt. Fast alle Medien, international, haben ihre Leserforen zur Verfügung gestellt und zugelassen, dass diese Form der Kommunikation, des gegenseitigen Hasshochpuschens, gesellschaftsfähig und normal wurde.

Bei der Hass-Matinee habe ich aber auch das herrliche "Schweigeeinhorn" kennengelernt, das ich bisher nicht kannte. Und die Teenager auch nicht, die allerdings sofort richtig schlossen, dass es mit dem Ruhefuchs verwandt sein muss, den sie aus der Volksschule kannten. Super, danke.

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