Der Dampfer im Bächlein

Das obersteirische Murtal leidet an starkem Bevölkerungsschwund. Dennoch steht hier das zehntgrößte Einkaufszentrum Österreichs. Kann das gutgehen?

Gerlinde Pölsler
LANDLEBEN, FALTER 05/17 vom 31.01.2017

Foto: Regine Schöttl

Fohnsdorf, neun Uhr früh. Es herrscht obersteirischer Frost, und die „Arena“ gleich neben der Autobahn ist keine dieser Shoppingmalls, die alles unter einem Dach haben und die man betritt, um dann vom Wetter verschont zu sein: Vielmehr reihen sich beidseits der Straße einzelne Gebäude aneinander, Bellaflora und Obi, New Yorker und Möbelix. Dennoch sind schon eifrig Leute unterwegs – und werden es bis in die Nacht sein, denn man kann hier auch ins Pub gehen, essen oder bis drei Uhr früh im Admiral Sportwetten am Spielautomaten zocken. Zu Weihnachten steigt das Christkind in den Heißluftballon, und junge Leute fragen, wann man hier endlich auch wohnen kann. Das erzählt jedenfalls Arena-Geschäftsführer Werner Gruber im Film „Global Shopping Village“.

Judenburg, vier Kilometer weiter, eine Stunde später. Der Hauptplatz erinnert mit seinem Stadtturm und den Arkadengängen an Italien; das alte Kaufmannsstädtchen zählt zur illustren Runde der „kleinen historischen Städte“, die die Österreich Werbung eigens vermarktet. Nur: Leute sind wenige zu sehen. Einige Geschäftslokale auf dem schmucken Hauptplatz stehen leer, in der einst belebten Rathauspassage verwehren zugeklebte Schaufenster den Blick ins Innere. Judenburg habe nichts von der Arena, sagte sein Bürgermeister einmal bitter: „Außer mehr Ruhe in der Innenstadt.“

Quer durch Österreich sind ähnliche Bilder zu sehen: Kleinstädte, ja Dörfer in Abwanderungsgebieten, die Infrastruktur verlieren und deren Zentren man ansieht, dass schon lang nichts investiert wurde. An den Ortsrändern aber sind zwischen Kreisverkehren einförmige Märkte, garniert von Fast-Food-Läden, hochgepoppt. Helfen die gegen die Abwanderung, weil sie auch Landbewohnern ein großstädtisches Angebot ermöglichen und Geld in der Region halten? Oder sind sie weitere Totengräber der Regionen, indem sie Kaufkraft absaugen und die Ortszentren zusätzlich aushöhlen? In Salzburg ist die für Raumordnung zuständige Landesrätin Astrid Rössler (Grüne) von Letzterem überzeugt. Das Land will größere Lebensmittelgeschäfte und Fachmärkte nur noch im Ortskern erlauben.

ANZEIGE
  1706 Wörter       9 Minuten

Sie haben bereits ein FALTER-Abo?


Sie nutzen bereits unsere FALTER-App?
Klicken Sie hier, um diesen Artikel in der App zu öffnen.

Jetzt abonnieren und sofort weiterlesen!

Jetzt abonnieren und sofort weiterlesen!

Print + Digital

  • FALTER sofort online lesen
  • Wöchentliche Print-Ausgabe im Postfach
  • FALTER als E-Paper
  • FALTER-App für iOS/Android
  • Rabatt für Studierende
Jetzt abonnieren

1 Monat Digital

  • FALTER sofort online lesen
  • FALTER als E-Paper
  • FALTER-App für iOS/Android
Jetzt abonnieren

Digital

  • FALTER sofort online lesen
  • FALTER als E-Paper
  • FALTER-App für iOS/Android
  • Rabatt für Studierende
Jetzt abonnieren
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Landleben-Artikel finden Sie in unserem Archiv.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!