Kunst Kritik

Gelungen: Kunst aus Brasiliens Metropolen

Lexikon, FALTER 26/17 vom 28.06.2017

Selten wurde im Freiraum im Museumsquartier eine so sinnlich ansprechende Ausstellung geboten wie derzeit "Welt kompakt? Out of Brazil". Die von Ursula Maria Probst kuratierte Gruppenschau fesselt die Betrachter an einem Ort, der sonst kaum je seinen Durchgangscharakter verliert. Auf die Initiative der Kuratorin hin waren in den letzten zwei Jahren bereits etliche der brasilianischen Künstlerinnen und Künstler zu Artist-in-Residence-Aufenthalten in Wien; jetzt sind 31 Positionen zu sehen, davon aber auch ein Drittel hiesige Künstler.

Die Krise Brasiliens seit 2014 spielt in die Arbeiten hinein, sie holen aber weiter aus und widmen sich Fragen wie Rassismus und koloniales Erbe. Daniel Lie aus São Paulo, der heuer auch bei den Festwochen vertreten war, hat seine eigenen allergischen Hautreaktionen fotografiert und die Bilder auf Fahnen aus Naturfasern reproduziert. Er sieht seine Installation als "Hommage an die Wundheit" und als eine Art Gegen-Selfie, das eben nicht nur Vorteilhaftes präsentiert.

Um Hautfarbe und Zugehörigkeit kreist Denise Palmieris Installation "fast nackt, fast schwarz", für die sie ein in Gips getränktes Dirndl anzieht. Die Künstlerin singt das Wienerlied "32 Groschen", in dem schon die Verfolgung anklingt, die sein jüdischer Komponist Hermann Leopoldi später erlitt. Gelungene Videos der Schau beschäftigen sich mit Gender-Fragen, so etwa Luiz Roque, der schwule Subkulturen glamourös in Szene setzt, oder Giorgia Conceicao, die mit Dirty Martini eine bekannte Burlesque-Tänzerin nach Rio holt und die Genese eines gemeinsamen Auftritts dokumentiert.

Auf die Spuren der Kolonialhistorie begeben sich Jamie Lauriano mit einer Karte von Invasionen und Ethnoziden oder Ines Doujak, die Textilindustrie als von jeher global gehandeltes Gut erforscht.

Freiraum/MQ, bis 3.9.

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