Erschütternde Details im Kirchstettner Pflegeheimskandal

Demente Patienten sollen von Pflegern laut Zeuginnen verprügelt, sexuell missbraucht, nackt fotografiert und dazu gezwungen worden sein, ihre Exkremente zu essen. Erste Hinweise auch auf Mordversuch. Experten fordern Reformen

Florian Klenk
26.09.2017

Quelle: FALTER 39/17


Der FALTER veröffentlicht in seiner heute um 17 Uhr erscheinenden Ausgabe die bislang unbekannten Justizakten über einen der größten Pflegeheimskandale der letzten Jahrzehnte.
Die Dokumente offenbaren ein mutmaßlich monströses Verbrechen und erschüttern die Erzdiözese Wien, die das „Haus Clementinum“ in Kirchstetten betreibt und das Land Niederösterreich, das dieses Heim als eines der Besten ausgezeichnet hat. Der Fall schreit auch nach dringenden Reformen im Pflegewesen.
Dem FALTER liegen Polizeiberichte und Einvernahmeprotokolle von Pflegerinnen und Pflegern vor, in denen minutiös festgehalten wird, wie wehrlose Patientinnen und Patienten gefoltert, sexuell missbraucht und gedemütigt wurden.
Weiters veröffentlicht der FALTER die Abschriften einer WhatsApp-Chat-Gruppe in der sich sadistische Pfleger selbst als „Blauensteiner“ oder „Lainz-Schwester Waltraut“ bezeichnen.
Es gibt in dem Akt auch Aussagen, die darauf hindeuten, dass schwer Kranke ermordet werden hätten sollen. Ein Pfleger soll eine hoch fiebernde Frau in der Kälte unbedeckt vor ein offenes Fenster gelegt haben.
Jene Hinweisgeberinnen, die die Justiz als Zeuginnen einvernommen hat, berichten davon, dass sie dabei waren, wie eine Gruppe von „Sadisten“ (aus dem Protokoll) Frauen rektal mit der Faust sexuell missbraucht haben soll. Man habe den Senioren „aus purem Sadismus“ hochalkoholische Flüssigkeiten („Franzbrandwein“) in die Genitalien oder auf den Penis geschüttet und brüstete sich damit, eine Frau sogar dazu gezwungen zu haben, ihre Exkremente zu essen. Ein Pfleger soll alte Frauen nackt ausgezogen und sich für ein Foto neben sie gelegt haben.
Die ersten Verdachtsmomente, die vor einem Jahr via ZiB2 öffentlich wurden, haben sich nun erhärtet. Die Justiz, so berichtet der FALTER, wartet noch ein gerichtsmedizinisches Gutachten ab und wird dann Anklage erheben.
Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. Sie wurden nicht in U-Haft genommen, weil sie vom Clementinum entlassen wurden und daher keine Tatbegehungsgefahr mehr vorlag. Der Hauptbeschuldigte arbeitete bis gestern allerdings weiter in einem privaten Heim als Pfleger, weil es aufgrund einer gesetzlichen Lücke kein Berufsverbot für Pfleger gibt. Der Mann wurde gestern freigestellt, als die Heimleitung durch den FALTER von den gegen ihn erhobenen massiven Vorwürfen erfuhr. Eine ausführliche Recherche lesen sie hier.


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