Film Neu im Kino

Punk bis zum Untergang: Wien-Wehmut in "Chuzpe"

DREHLI ROBNIK
Lexikon, FALTER 39/17 vom 27.09.2017

Chuzpe hatten "an proletarischen Sound", sagt Herbert Langer vulgo Lörkas, einst Mitglied der Wiener Punkbands Pöbel und Dead Nittels. Er starb heuer mit 55, kurz nach der Uraufführung der endlos in Produktion gewesenen minimalistischen Punk-Doku "Chuzpe", benannt nach der seit 1977 oft neugestarteten Band. "Chuzpe" zeigt viel mehr, etwa mehr Szene(figuren): Sprays, A-Gen-53, Nivea, Ronnie Urini, Panza

Lörkas' Wort vom proletarischen Sound ist wie ein Motto für dieses Mehr. Nicht nur ist es wieder hip (und objektiv leiwand), in Klassenbegriffen zu reden; der Sound einer Klasse verweist mit auf eine tote Stadt als Sozio-Biotop, mit Chuzpe gesagt: tote Körper und ihr Rhythmus. Wien also, auch im Idiom von Chuzpe-Gründer Robert "Räudig" Wolf, Sänger sengender Sätze wie "Aus Tote drucken s'no an Schas" in Hymnen wie "Panik Alanig" oder "Beislanarchie". Im Sound der Doku hallen auch Noir-Krimis nach, die ihr Regisseur Peter Ily Huemer um 1990 drehte.

Punk gibt's heute so wenig (oder so sehr) wie Proletariat. Dies ist ein Film der Wehmut im Verfall -oder nicht? Einer erzählt, dass ihn sein Punkszenename Sepperl nervte. Reggae-Punk Mickey Kodak sagt, er habe heute weder Kinder noch Grillfreunde, aber er sei frei. Chuzpes Drummer Guni und Bassist Christian Brandl endeten in der Psychiatrie. Drogen, Eltern-Zores, Nazi-Österreich. Chuzpe ist jiddisch für Frechheit. Dass Punk frech war, vermittelt der Film kaum; ebenso, dass Chuzpe 1984 die besseren XTC oder Talking Heads waren. Er bietet wenig Archivmaterial, nur Interviews, zum Teil zehn Jahre alte. Ist das armselig? Schichtung von Erinnerung? Therapiegruppe in Familienaufstellung? Ganz sicher steht es quer zum happy Konsensdiktat heutiger Musikwirtschaftsstandorts-und Austropop-Heritage-Pflege. Also doch Punk.

Ab Fr im Gartenbaukino

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