Film Neu im Kino

9 1/2 Wochen beim Therapeuten

SABINA ZEITHAMMER
Lexikon, FALTER 03/18 vom 17.01.2018

Ein wenig unheimlich ist so eine Psychotherapie ja schon: Ein Fremder erhält Einblicke in die intimsten Gedanken und Gefühle. Vielleicht liegt es daran, dass Chloé ihrem neuen Freund, dem Psychologen Paul, nicht ganz vertraut. Nach einigen Sitzungen haben sich die beiden - die fragile, traurige Frau mit den rätselhaften Bauchschmerzen und der ruhige, intellektuelle Arzt -ineinander verliebt und sind zusammengezogen. Durch Zufall entdeckt Chloé, dass Paul einen Zwillingsbruder hat, dessen Existenz er leugnet. Sie macht sich bei Louis, ebenfalls Therapeut, einen Termin aus. Der dominante, skrupellose Mann verwickelt Chloé in eine Affäre. Auf diesem sexuell erfüllenden, aber gefährlichen Pfad ist vieles nicht, wie es scheint.

Wie kaum ein Medium eignet sich das Kino, um Träume und psychische Erschütterungen aufzugreifen und das Publikum in ein Spiel um Wirklichkeit und Illusion zu locken (2017 bewiesen das etwa "Die Frau im Mond" oder "Tiere"). Im Fall von François Ozons "Der andere Liebhaber" (nach dem Roman "Der Andere" von Joyce Carol Oates) wird das Spiel allerdings zum bloßen Selbstzweck, um eine wilde Mischung aus Erotikthriller, Psychodrama und Horrorfilm zusammenzuhalten. Aus den Motiven des Doppelgängers, der Spiegelung und (therapeutischen) Übertragung, der sexuellen Emanzipation und der Mutterfigur zimmert Ozon Bilder voll Eleganz und Style, in die sich Anflüge eines Blut-und-Beuschel-B-Movies mischen. Auf eine zufriedenstellende Auflösung wartet das Publikum vergebens, da hilft auch das beherzte Spiel von Marine Vacth, Jérémie Renier und Jacqueline Bisset nichts.

Es wäre falsch zu behaupten, dass "Der andere Liebhaber" passagenweise nicht aufregend und faszinierend ist. Vor allem aber ist er ein ganz schöner Topfen.

Ab Fr in den Kinos (OmU im De France)

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