Buch der Stunde

Der vegetarische Comic-Held aus dem Hippie-Wald

Patrick Spät
Feuilleton, FALTER 08/18 vom 21.02.2018

Wenn ich zeichne, liegt mein mentales Alter zwischen sieben und acht Jahren. Ich neige dazu, die Wirklichkeit mit der Scheinwelt zu verwechseln", sagt der 1943 geborene Jean-Claude Fournier, der als Zeichner von André Franquins "Spirou & Fantasio" bekannt wurde. Fast unbekannt ist im deutschsprachigen Raum die fabelhafte Scheinwelt um den Kobold "Bizu", der Fournier von 1967 bis 1994 Leben einhauchte und die nun in einer rundum gelungenen Gesamtausgabe vorliegt.

Im Wald von Frotteelande, wo der herzensgute Bizu in einem Baumhaus lebt, tummeln sich sprechende Blumen, Tiere und Waldgeister, honigklauende Dudelsäcke und wörterschluckende Kaffeemühlen -und Bizus Freunde: Mukes, ein hüpfender Pilz, der immerzu nörgelt, sowie der multiinstrumentale Schnockbüll, ein zotteliges Ungeheuer, das "chtändig lifpelt" und überall, wo es hintritt, Blümchen wachsen lässt.

All diese Fabelwesen sind von den Mythen der Bretagne inspiriert, die der junge Fournier als Gute-Nacht-Geschichten von seiner Großmutter erzählt bekam. Bizu, Mukes und Schnockbüll erleben Abenteuer, deren Plots nicht gerade raffiniert sind. Die Reihe lebt von Slapstick mit Happy-End-Garantie und von den überaus liebenswerten Figuren, die Fournier virtuos im franko-belgischen Stil zeichnet. Stilistisch lehnt er sich an "Gaston" aus der Feder Franquins an, der auch jahrelang sein Mentor war.

Die "Bizu"-Reihe eignet sich hervorragend für Kinder. Mit ihrer Zivilisationskritik bringt sie aber auch Erwachsene zum Schmunzeln und Nachdenken, wenn etwa rasende Autos ganze Igelfamilien auslöschen oder strebsame Spießbürger Bizu schon mittags aus dem Bett scheuchen und damit den Frieden des mythischen Waldes bedrohen.

Die Reihe atmet den anarchischen Hippie-Geist der 68er, Bizu dürfte die erste vegetarische und Blümchen rettende Comicfigur sein. Fournier hat einen zauberhaften Feel-Good-Comic geschaffen, dessen heile Welt eine Mahnung darstellt, nicht uns selbst und unsere Umwelt zu zerstören.

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