Architektur Vernissage

XL-Würdigung: Werdegang eines Visionärs

NS
Lexikon, FALTER 10/18 vom 07.03.2018

In den Jahren von 1900 bis 1910 arbeitete Otto Wagner intensiv an seinem Entwurf für ein Wiener Stadtmuseum am Karlsplatz, das leider nie gebaut wurde. Das Wien Museum eröffnet jetzt anlässlich des 100. Todestages des Architekten eine Mega-Schau, die die dreifache Fläche der normalen Sonderausstellungen einnimmt. Bei vielen der rund 500 Exponate handelt es sich um Leihgaben, etwa aus der Albertina oder dem Pariser Musée d'Orsay, und etliche Objekte wurden noch nie ausgestellt. Die von Andreas Nierhaus und Eva Maria Orosz gestaltete Schau möchte auch Bereiche genauer ausleuchten, die bei Wagner noch weniger bekannt sind. Sie setzt mit der Wirkung ein, welche der Historismus auf den 1841 geborenen Baukünstler ausübte, war Wagner doch ein Kind der Ringstraßenzeit und profitierte von dem Aufschwung der Baubranche auch als spekulierender Hausbesitzer.

Ein zentrales Thema bilden Wagners Großstadtvisionen, die er in seinem Generalregulierungsplan für Wien 1893 darlegte und im Jahr darauf mit der Stadtbahn auch realisierte. Als der 53-Jährige eine Professur an der Akademie der bildenden Künste erhielt, öffnete er sich gegenüber dem Jugendstil und unterstützte den Secessionismus. Mit seinem Text "Moderne Architektur" wurde er zu einem wichtigen Vordenker. Diese Begeisterung schlug sich auch in einer produktiven Zeichnungstätigkeit wieder, der die Schau ein eigenes Kapitel widmet.

Mit der Kirche am Steinhof und der Postsparkasse konnten in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts zwei epochale Bauten verwirklicht werden, an denen vor allem ihre Verkleidung mit Marmorplatten ins Auge fällt. Wenngleich Wagners Architektur im Stadtbild verankert und ein Touristenmagnet ist, bleibt es doch jammerschade, dass der Löwenanteil seiner Entwürfe nur am Papier existiert.

Wien Museum, Mi 18.30 (bis 7.10.)

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