Kunst Kritik

Prämiert: Überwachung und Propaganda

Lexikon, FALTER 51/18 vom 19.12.2018

Zum vierten Mal wurde heuer der Kunsthalle Wien Preis an Studierende der hiesigen Kunsthochschulen vergeben. Unter rund 150 Diplomarbeiten prämierte die Jury die Künstlerinnen Ting-Jung Chen aus China und Hui Ye aus Taiwan mit je 3000 Euro und einer Schau in der Kunsthalle. Das ist interessant, denn während Asiaten die heimischen Musikuniversitäten schon fast dominieren, wurden in der bildenden Kunst noch kaum Studierende aus Fernost sichtbar. Die Herkunft der Künstlerinnen ist im aktuellen Fall auch insofern relevant, als sie selbst Phänomene ihres Kulturkreises aufgreifen.

In dem Video "Quick Code Service" beschäftigt sich die 1981 geborene Hui Ye mit dem chinesischen Webdienst Wechat. Dabei handelt es sich um eine Art chinesisches Whatsapp, die aber auch unzählige andere Funktionen bietet. Das Problem daran: Chinas Regierung baut bis ins Jahr 2020 ein Überwachungssystem des "Social Scoring" auf, bei dem man auf Basis seiner Internetaktivitäten bewertet wird. Die Künstlerin nähert sich diesem brisanten Thema indirekt. Sie bittet eine Freundin in Schanghai, Bekannte mit ihr durch Wechat zu vernetzen. Um die "Great Firewall" zu umgehen, mit der China seinen digitalen Datenverkehr abschottet, verwendet die Künstlerin einen QR-Code. In der Folge ist Hui Ye etwa zu sehen, wie sie in einem Wiener Lokal mit einem Fremden in Schanghai über das prekäre Sozialkreditsystem Chinas plaudert.

Von Ting-Jung Chen stammt eine Soundinstallation, die sich auf akustische Propaganda bezieht, wie sie Taiwan im Kalten Krieg einsetzte. Dafür wurden auf der Insel während der 1960er-Jahre riesige Lautsprecher aufgestellt, die das chinesische Festland mit Parolen und Songs beschallten. Die Künstlerin hat nun eine Kleinversion dieser Schalltrichterwände aufgestellt und lässt ein selbstgesungenes Liebeslied erklingen.

Kunsthalle Wien Karlsplatz, bis 27.1.

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