Bollwerk, stolz und brüchig

Vor 100 Jahren begann das Experiment des Roten Wien. Warum endete das heute noch bewunderte soziale Reformprojekt nach nur 15 Jahren? Die Antwort ist aktueller denn je

Armin Thurnher
POLITIK, FALTER 02/19 vom 08.01.2019

Foto: Votava / Imagno / picturedesk.com

„Diese Stadt, deren Lebensfreude einmal weltberühmt gewesen war, bot ein Bild des Grauens und des Schreckens. In diesen trüben Tagen von 1918 ist das alte Wien gestorben.“ Karl Seitz, zweiter Bürgermeister des Roten Wien, schrieb das 1926 im Geleitwort zum Prachtwerk „Das Neue Wien“, das in vier leinengebundenen Büchern auf schwerem Kunstdruckpapier Zwischenbilanz zog.

Im Jahr 1919 begann jene 15 Jahre dauernde Epoche „Rotes Wien“, die trotz ihrer Kürze das Gesicht der Stadt für 100 Jahre prägen sollte. Bei den Gemeinderatswahlen im Mai 1919 errangen die Sozialdemokraten die Mehrheit. 1920 wurde die verfassungsrechtliche Sonderstellung der Stadt Wien als Kommune und Bundesland festgeschrieben. Die Epoche endete 1934 mit der Ausschaltung des Parlaments durch die Austrofaschisten.

Vor 100 Jahren nahm in Wien revolutionäre Sozialpolitik also auf demokratische Weise ihren Ausgang. Der Austromarxismus blühte auf, als das Habsburgerreich kollabierte. Bisher vom Wahlrecht der Monarchie benachteiligt, stellten die Sozialdemokraten nun den ersten Staatskanzler (Renner) und den ersten Wiener Bürgermeister (Jakob Reumann). Während im Bund die Koalition bald platzte und ab 1920 die Christlichsozialen regierten (die Roten verweigerten sich der Koalition, weil sie hofften, bald die absolute Mehrheit zu erringen), machten es besondere Umstände der SDAP, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, möglich, ihre Politik in Wien durchzusetzen.

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