Monster mit Manieren

Wir erleben eine Ära der rohen Bürgerlichkeit. Über die Radikalisierung des Publikums

Essay: Natascha Strobl
Politik, FALTER 03/19 vom 16.01.2019

In seiner gloriosen Charakterstudie "American Psycho" lässt der Schriftsteller Bret Easton Ellis seinen Protagonisten Patrick Bateman eines Abends auf einen Obdachlosen treffen. Bateman ist zu diesem Zeitpunkt jung, erfolgreich und reich. Er arbeitet an der boomenden Wall Street der 1980er-Jahre und gibt sich in seiner Freizeit obszönen Ausschweifungen hin. Den Obdachlosen begrüßt er erst freundlich, zieht eine 10-Dollar-Note hervor und fragt den Mann, ob er Geld und etwas zu Essen haben möchte.

Noch während er redet, tauscht Bateman die zehn Dollar aber gegen einen Fünfer. Der Obdachlose ist dennoch dankbar, bejaht und beginnt zu weinen. Bateman hält ihm den Schein immer genau so weit hin, dass der Mann ihn gerade nicht erwischen kann. Sein Tonfall wird zunehmend schärfer und bald schreit er den Mann an, warum er nicht arbeiten gehe. Befiehlt ihm, seine Fragen zu beantworten. Der Obdachlose wiederholt tonlos, dass er hungrig sei. Zum Ende hin wirft Bateman dem Mann eine Vierteldollar-Münze zu. Er könne sich davon ja einen Kaugummi kaufen.

Genau so geht rohe Bürgerlichkeit. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer ist Namensgeber dieses Phänomens, das er als "Zusammenspiel von glatter Stilfassade, vornehm rabiater Rhetorik und autoritären, aggressiven Einstellungen und Haltungen" beschreibt. Heitmeyer betont, dass Rohheit und damit verbundene Eigenschaften wie Aggressivität und Gewalt keineswegs exklusiv einer Schicht zuzurechnen seien. Im Gegenteil, es handle sich um gesamtgesellschaftliche Phänomene.

Das Außergewöhnliche an roher Bürgerlichkeit ist, dass sie gesellschaftlich organisiert und akzeptiert ist. Sie materialisiert sich in ganzen Vereinen, Interessenvertretungen und Parteien. Zudem kommt die Rohheit verdeckt daher, immer von guten bürgerlichen Manieren angeleitet. Dementsprechend schwieriger ist es, sie zu decodieren. Rohe Bürgerlichkeit beschreibt also ein Set von Handlungen und Einstellungen, das normalisiert im gesellschaftlichen Diskurs eingebettet ist.

Das Paradebeispiel der in Gesetz gegossenen rohen Bürgerlichkeit sind die deutschen Hartz-IV-Maßnahmen. Neben den unmittelbaren und verheerenden ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen auf die Betroffenen wurde und wird hier ein brutaler Diskurs gegen unten betrieben: Arbeitslose sollen sich gefälligst mehr anstrengen und raus aus der "sozialen Hängematte". Das Bild von der verblödeten, versoffenen RTL-2-Unterschicht war geboren. Für England hat Owen Jones diesen diskursiven Klassenkampf von oben in seinem Buch "Chavs. The Demonization of the Working Class" aufgeschlüsselt.

Demnach bewirken die getätigten Maßnahmen begleitet von sukzessiver sprachlicher Abwertung ein Auseinanderdriften der Gesellschaft und einen Rückzug der bürgerlichen Klassen aus der Solidargemeinschaft der Nachkriegsjahre. Das Spezielle an dieser Logik: Die Bürgerlichen bekennen sich im Gegensatz zu Neonazis oder Rechtsextremen nicht zu einem offenen Schnitt, sondern haben das eigene Kippen in Grausamkeit und Niedertracht schlichtweg zum einzig logischen Handlungsset stilisiert. Wenn die Proleten nicht hackeln wollen, dann muss man ihnen eben kurzum Geld und Existenz rauben. There is no alternative. Das Einhalten bürgerlicher Gepflogenheiten und Form ist dabei von immenser Bedeutung, denn was würde einen sonst noch von schmuddeligen Rechtsextremen unterscheiden?

Mit Sebastian Kurz ist nun ein ÖVP-Politiker am Ruder, der die rohe Bürgerlichkeit zur Handlungsmaxime erhoben hat. Sein kühles Auftreten und seine kontrollierte, wenig modulierte Sprache repräsentieren den "männlichen Macher" perfekt. Anders als die polternden Hitzköpfe der FPÖ grenzt sich Kurz vom Schmuddel-Image offen rechtsextremer Parteien dezidiert ab. Das ist im bürgerlichen Selbstverständnis ungemein wichtig, denn dessen fundamentalstes identitätsstiftendes Merkmal ist die Form, die gewahrt werden muss. Gleichzeitig formuliert Kurz politische Maßnahmen, die sich in Inhalt und Konsequenz kaum von jenen offen rechtsextremer Parteien unterscheiden. Menschenfeindliche Sprache wird für ein bürgerliches Publikum umformuliert und im entsprechenden Habitus vorgebracht. Konsequenz ist die beschriebene Entsolidarisierung der Gesellschaft. An Diskussionen zu den Themenkomplexen Asyl und Migration lässt sich das am augenfälligsten ablesen.

Kurz spricht von "Menschen, die sich an der Grenze stapeln". Dieser Satz bedeutet Entmenschlichung, weil lebendige Menschen sich nicht stapeln können. Stapeln kann man zum Beispiel Waren oder Kisten, also leblose Dinge. Stapeln kann man aber auch tote Menschen -und so zerrt Kurz' Sager unweigerlich Massengräber vor das geistige Auge. Mit seiner Sprache spielt Kurz mit dem historischen Gedächtnis der Gesellschaft. Er kokettiert mit dem Schockeffekt und mit der Empathielosigkeit. Dank solcher Drastik sollen die eigenen extremen Maßnahmen als einzig logische Folgerung überbleiben. Sozialpolitisch handelt der Bundeskanzler nach genau derselben Logik: Im Nachkriegskonsens wäre es undenkbar gewesen, so zu tun, als könnte jemand im Jahr 2018 mit 563 Euro monatlich seinen Lebensunterhalt bestreiten. Erst die systematische Abwertung abertausender Menschen zu Langschläfern (wie erst vergangene Woche geschehen) und Schmarotzern hat diesen neuen Konsens hervorgebracht. Die Logik ist eine antidemokratische und in letzter Konsequenz faschistische in strenger bürgerlicher Form.

Das von Heitmeyer beschriebene Phänomen der affektgeladenen Grausamkeit im strengen Regelset ist keineswegs historisch einzigartig oder neu. Im Deutschland und Österreich der Zwischenkriegszeit griff ein wenig beachtetes Phänomen Platz -das der sich faschisierenden bürgerlichen Elite. Für Deutschland wurde von Armin Mohler (dem Privatsekretär Ernst Jüngers und einem führenden Rechtsextremen der unmittelbaren Nachkriegszeit) im Nachhinein die Bezeichnung "Konservative Revolution" geprägt. Sie beschreibt ein Netzwerk rechtsextremer, bürgerlicher Intellektueller, das gegen Demokratie, Parlamentarismus und sämtliche Emanzipationsbewegungen anschreibt.

Dabei waren ihre Protagonisten keineswegs durch Krieg oder Wirtschaftskrise depraviert. Nach heutigen Maßstäben würden sie zum obersten Prozent der Reichtumspyramide zählen. Wichtige Vertreter der Strömung sind Oswald Spengler ("Der Untergang des Abendlandes"), Arthur Moeller van den Bruck ("Das dritte Reich") und Edgar Julius Jung ("Die Herrschaft der Minderwertigen"); und heute am bekanntesten wohl Ernst Jünger ("In Stahlgewittern") und Carl Schmitt ("Der Begriff des Politischen"). Ihre Ideen von einem neuen Nationalismus fanden direkt Eingang in die Politik. So agierte Edgar Julius Jung ab 1933 als Berater und Redenschreiber des konservativen Vizekanzlers Franz von Papen im Kabinett Hitler. Carl Schmitt wiederum machte nach der "Machtergreifung" Karriere und legitimierte die "Nürnberger Rassengesetze" juristisch.

Auch in Wien gab es in der Zwischenkriegszeit einflussreiche rechtsextreme Publizisten. Der amerikanische Historiker Janek Wasserman behandelt in seiner hierzulande nur wenig beachteten Studie "Black Vienna" etwa das Wirken von Rechtsintellektuellen rund um die Leo-Gesellschaft oder die Zeitschrift Das neue Reich von Joseph Eberle. Es handelte sich um Projekte einer antimodernen, ultrakatholischen Elite, die aktiv Kontakt zum säkularen deutschnationalen Lager suchte. Die ohnehin marginalen Differenzen zwischen Katholizismus und Deutschnationalismus waren für sie von nachgeordneter Bedeutung, wenn es gegen den gemeinsamen Feind, die Sozialdemokratie, ging. Darüber hinaus gab es etliche ideologische Schnittmengen, vom Hass auf sämtliche Emanzipationsbewegungen und die Demokratie an sich bis zu einem aggressiven Antisemitismus. Auch diese Publizisten hatten unmittelbaren Einfluss auf die österreichische Politik. Größen der Christlichsozialen Partei bzw. des späteren Austrofaschismus (z.B. Leopold Kunschak oder Ignaz Seipel) verkehrten wie selbstverständlich in ihren Kreisen.

Dass diese Leute die Demokratie buchstäblich zerschreiben konnten, war nur möglich, weil ihre menschenfeindliche Ideologie reale politische Entsprechungen gefunden hat. Das betrifft nicht nur den Nationalsozialismus, für den sie die Sprache vorweggenommen haben, sondern manifestiert sich eben auch in den zunehmend autoritärer agierenden bürgerlichen Parteien jener Zeit.

Möglich waren diese Prozesse vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der einhergehenden Massenverelendung. Noch bevor die jungen Demokratien sich festigen konnten, wurden sie schon wieder in Stücke gerissen, begleitet vom Trommelfeuer der Anschuldigungen, Sündenbockkonstruktionen und Untergangsszenarien. Im Mittelpunkt stand stets die Angst vor dem "jüdischen Kulturmarxismus", der Europa "zersetzen" würde.

Solche Theorien wurden nicht am Rande der Gesellschaft ersponnen, sondern in elitären Zirkeln entwickelt und in Parteien massenwirksam zurechtgeformt. Erst durch die Übersetzung von Faschismus in bürgerliche Sprache konnte er hegemonial werden. Damals wie heute befand sich Europa in einer Zeitenwende. Oder wie Antonio Gramsci es einst ausgedrückt hat: "Die alte Welt geht zu Grunde, die Neue ist noch nicht geboren -es ist die Zeit der Monster."

Zur Autorin

Natascha Strobl ist Politologin und forscht zum Rechtsextremismus in Österreich, insbesondere zur Identitären Bewegung. Sie ist führendes Mitglied der Offensive gegen Rechts

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