Doris Knecht Selbstversuch

Reden wir doch lieber über das Kleid

Kolumnen & Zoo, FALTER 09/19 vom 27.02.2019

Eine halbe Kolumne lang habe ich über die Versuche der Regierung gewettert, die Fristenregelung infrage zu stellen, und jetzt habe ich sie wieder gelöscht, weil: genau das wollen die doch. Dass wir über etwas reden, über das es nichts zu reden gibt, etwas zum Thema, zu ihrem Thema machen, das keins ist. Wir müssen nicht jede beschissene Debatte mitführen und uns dazu instrumentalisieren lassen, Diskussionsgrundlagen zu betonieren, wo das Gras hoch und gesund wächst, und die es ohne unsere Beiträge nicht gibt. Reden wir doch lieber über Steuern für Superreiche, davon haben alle was. Vielleicht liege ich falsch; darüber kann man diskutieren.

Nebenbei begrüße ich, dass Olivia Colman den Oscar für ihre Rolle in "The Favourite" gewonnen hat. (Eine Freundin wollte ihn kürzlich mit ihrem zwölfjährigen Sohn anschauen, und wir haben ihr abgeraten, weil, ja.) Coleman ist super, auch wenn ich der Riesenmasche auf ihrem Rücken nichts, aber schon gar nichts abgewinnen kann. Maschen sind der modische Offenbarungseid, Maschen sind das Am-Ende-des-Tages des Designs ein Eingeständnis völligen künstlerischen Bankrotts. Sorry. Es ist auch völlig egal, trotzdem. Das beste Kleid war, darüber sind wir uns hoffentlich einig, das grellpinke Valentino-Kleid von Gemma Chan, das nicht nur ein Kleid war, sondern ein Statement: Weil es an das MollyGoddard-Kleid erinnerte, das die beste und stylishte Bösewichtin der letzten Serienzeit, Villanelle in "Killing Eve", trug, und weil es Taschen hat, eine alte feministische Forderung. (Ja, um solche Sachen kümmern sich Feministinnen auch.) Das hat auch alles einen schönen Kontext, denn Colman spielt ja die böse Stiefmutter in der fantastischen Serie "Fleabag" der jungen Britin Phoebe Waller-Bridge, die auch "Killing Eve" geschrieben hat und von der man noch viel, viel, viel hören wird. Sie ist fantastisch, und die zweite Staffel "Fleabag", die demnächst endlich anläuft, verspricht im Trailer viel.

Nebenher teile ich mit meiner gesamten Familie die Erleichterung darüber, dass "A Star Is Born" leer ausging, jetzt bis auf den besten Song, das geht für uns okay, das kann Lady Gaga, das ist ihrs, das hat sie verdient. Sonst Was für ein Drecksfilm, die Teenagerinnen und ich sahen ihn gemeinsam und konnten es alle nicht fassen. Eine talentierte junge Künstlerin, die sich von einem abgewrackten alten Alkoholiker dominieren, blamieren und terrorisieren lässt, und alle halten es für romantisch und weinen vor Rührung, wir haben es nicht verstanden. Wegen Glenn Close tut es mir leid, "The Wife" ("Die Frau des Nobelpreisträgers") ist ein super Film, ich habe ihn letzte Woche gesehen, er läuft noch im Kino und ich empfehle ihn warm. Wobei ich das Buch -Deutsch: "Die Ehefrau" - noch wärmer empfehle, wobei, wenn man es vorher gelesen hat, ist der Film dann halt nur noch halb so spannend, das gilt im Fall dieser Literaturverfilmung noch stärker als bei anderen. Nur Frauen in dieser Kolumne und fast kein Gemecker geht doch.

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