Vom Scheiterhaufen zum Shitstorm

Silicon Valley entdeckt den französischen Denker René Girard (1923–2015) neu. Seine Gedanken zu Neid, Nachahmung und Gewalt erklären auch die fragilen Beziehungen in der vernetzten Welt

Kirstin Breitenfellner
FEUILLETON, FALTER 13/19 vom 26.03.2019

René Girard (Foto: DERRICK CEYRAC / AFP / picturedesk.com)

Neid ist diejenige Todsünde, die am wenigsten Spaß macht. Häufig verbirgt sie sich hinter Ressentiments oder wirft sich das Deckmäntelchen der Kritik über. Je demokratischer eine Gesellschaft wird, umso häufiger fragen die Menschen: Was hat der, was ich nicht habe? Der soziale Wettbewerb frisst das Wir-Gefühl auf, das uns miteinander verbindet.

Auch im Internet nagt der Narzissmus der kleinen Unterschiede und der damit einhergehenden Kränkungen am Miteinander. Plattformen wie Facebook oder Twitter leben von Neid und Eitelkeit, vom Gefühl, zu wenige Likes zu haben. In dieser unheilvollen Gemengelage entsteht das, was der französische Denker René Girard (1923–2015) noch in analoger Zeit als die Jagd auf den Sündenbock bezeichnete. Der reale Scheiterhaufen verwandelt sich in das Fegefeuer des Shitstorms.

So lässt sich erklären, warum das Silicon Valley, das Zentrum der digitalen Revolution, einen Denker für sich entdeckt, der zu Lebzeiten ein Außenseiter des Philosophiebetriebs war. Zwar lehrte Girard in Stanford, der renommierten, dem Silicon Valley benachbarten Universität, französische Sprache, Literatur und Kultur, doch die Öffentlichkeit nahm nicht groß Notiz davon.

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  1844 Wörter       9 Minuten

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