Phettbergs Predigtdienst

Es hört nicht auf zu picken

Hermes Phettberg
Kolumnen, FALTER 14/19 vom 03.04.2019

Ich Vollnarr -meinerseits -ließ mich auf eine "Sadomaso-Qual" ein, quasi war ich im Wuk bei meiner ersten Verfügungspermanenz im Oktober 1990. Regisseur Ryan Mitchell, der auch im Sadomaso-Rausch sich fest treibt, und Komponist Brian Lawlor ließen mich den Seher Teiresias aus "Antigone" darstellen, einer Art seit ewig (442 vor Christus) tausende Male wiederholtem Drama. Du musst dir ja vorstellen, die Idee von Ryan Mitchell und Brian Lawlor, acht Stunden Qual dem Publikum zuzumuten, Meditation von 17 Uhr am Abend bis um zwei Uhr in der Früh, eine Art große Oper über Antigone, die Tochter des Ödipus, ist gewaltig! Meine Heimstatt war auf einem Erdhaufen, befestigt in Beton, die ersten zwei Tage gelang es mir noch, den Erdhaufen zu erklettern, doch beim dritten und letzten Mal rutschte ich nicht auf meine Matratze, sondern fiel direkt auf den Erdhaufen und musste dort liegenbleiben, weil ich nicht mehr allein hochgekommen bin. Casey Curran hat das Bühnenbild bestens grauslich gestaltet! Frau Antigone, allerperfektest dargestellt von der großartigen Sprechin Lily Nguyen, und ich lagen einander auf zwei Erdhaufenbetten gegenüber, ich stellte den wahrlich blinden Seher Teiresias "gekonnt" dar, denn Ryan Mitchell trägt, seit ich ihn kenne, bei all seinen Aktionen einen uralten Anzug und er schüttet mich mit Kunstblut voll. Das pickt enorm! Es hört nicht auf zu picken. Ich wollte ihn nur bitten um ein Handtuch, aber Ryan ging trotzdem weiter in seinem Rhythmus, wie wenn er zur Musik Brian Lawlors tanzen würde, aber meine Augen waren vollgeschüttet mit Kunstblut, und ich bat ihn ununterbrochen um ein Taschentuch, doch er brachte und brachte mir kein Taschentuch. Da hatte ich plötzlich die wunderbare Idee und dachte mir, jetzt reiß ich ein Stück von Ryans uralter Anzughose herunter und verwende sie theatralisch als Taschentuch, um mir damit die Augen auszuwischen. Matthias Kertelic hat meinen wunderbaren Zornausbruch mitgefilmt, und dieses kleine Filmchen wird er, wenn es irgendwie geht, ins Internet stellen. Mein schlechtes Gewissen ist meine Uraltigkeit schlechthin: Ich habe einen Brief an meinen Schneider verfasst, denn der kann wunderbar uralte Anzughosen nähen, und er wird Ryans Hose auf meine Kosten reparieren.

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