Stadtrand Urbanismus

Kirschgrün? Vollgas!

Stadtleben, FALTER 19/19 vom 08.05.2019

Anderswo ist das anders. Da blinken Ampeln nicht grün, bevor sie auf Gelb und dann Rot schalten. Obwohl Grünblinken eigentlich schlau ist: Wer noch ein paar Meter mehr bis zur Kreuzung hat, kann so abbremsen, ohne andere zu überraschen. In einem zivilisiert und rational funktionierenden Verkehrssystem eine gute Sache. Blöderweise funktioniert Verkehr nicht rational. Geschweige denn zivilisiert. Grünblinken ist ein Kommando: Vollgas! Auch wenn klar ist, dass man nicht einmal mehr bei Gelb die Kreuzung erreicht, sondern bei "Kirschgrün". Also bei Rot. Kirschgrün-Fahren ist mittlerweile üblich. So üblich, dass sich und andere gefährdet, wer beim zweiten Grünblinken nicht beschleunigt.

Dass derlei Unfälle provoziert, ist klar. Dass es da die erwischt, die am allerwenigsten dafür können, auch: Letzte Woche mähte ein Kirschgrün-Sprinter mehrere Passanten in Wien-Wieden um. Medial wird daraus per Passivformulierung gerne eine Unvermeidlichkeit: "Der Unfall ereignete sich" bedeutet "von selbst". Wie ein Gewitter oder ein Meteoriteneinschlag. In einem Auto aber sitzt ein Fahrer. Immer. Er sieht das Grünblinken -und gibt Gas.

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