Die geheimen Strache-Videos: Worum es geht

Was Heinz-Christian Strache einer reichen Oligarchennichte verspricht und was er sich von ihr im Wahlkampf erwartet hatte.


FLORIAN KLENK

17.05.2019

Der Falter veröffentlicht auf seiner Website gemeinsam mit dem Magazin Spiegel und der Süddeutschen Zeitung heimlich aufgenommene Videos vom jetzigen Vizekanzler Heinz-Christian Strache und dem jetzigen FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus.

Die Politiker gerieten im Juli 2017 in die Falle zweier Lockvögel, die bei einem Abendessen in einer Finca auf Ibiza die wahren Absichten der beiden Spitzenpolitiker austesten wollten. Eine vorgeblich reiche Oligarchennichte und ihr Begleiter führten mit Strache und Gudenus stundenlange Gespräche über illegale Parteienfinanzierung, verbotene Auftragsvergaben, den Aufkauf der Kronen Zeitung durch russische Oligarchen und die Absetzung kritischer Journalisten in dem Blatt.


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Die Videos des Abendessens, die dem Spiegel und der Süddeutschen Zeitung übergeben wurden und die der Falter in der Woche vor Veröffentlichung einsehen konnte, belegen, dass Strache die vermeintliche Oligarchennichte kurz vor der Nationalratswahl 2017 darin bestätigte, hunderte Millionen Euro in die Kronen Zeitung zu investieren, um die 50-Prozent-Anteile der Dichand-Erben an dem Blatt aufzukaufen. Strache erhoffte sich dadurch positive Berichterstattung für die FPÖ im Wahlkampf und stellte der Investorin dafür etwas in Aussicht: Im Falle seines Wahlsieges und einer Regierungsbeteiligung der FPÖ wolle er ihr jene staatlichen Autobahnaufträge zuzuschanzen, die bislang die Baufirma Strabag von Neos-Financier Hans-Peter Haselsteiner bekam.

Strache wörtlich: „Wenn sie (die vermeintliche Russin, Anm.) wirklich die Zeitung vorher übernimmt, wenn’s wirklich vorher, um diese Wahl herum, zwei, drei Wochen vorher, die Chance gibt, über die Zeitung uns zu pushen (…), dann passiert ein Effekt, den die anderen ja nicht kriegen. (…) Dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent. Und das ist genau der Punkt. (…) Wenn das ihr Asset ist, das sie mitbringt drei Wochen vor der Wahl, bist du deppat, dann brauch ma gar nicht reden. Tschuldige, tschuldige, dann sag ich ihr: Dann soll sie eine Firma wie die Strabag gründen. Alle staatlichen Aufträge, die jetzt die Strabag kriegt, kriegt sie dann. So, und über die Geschichte reden wir. Weil den Haselsteiner will ich nicht mehr.“

Foto: SZ, Spiegel

Strache wiederholt sein Ansinnen: „Nehma Strabag, Autobahnen: Du, das Erste in einer Regierungsbeteiligung, was ich dir zusagen kann, ist: Der Haselsteiner kriegt keine Aufträge mehr. So. Dann haben wir ein Riesenvolumen an infrastrukturellen Veränderungen.“ Weiters schlug Strache vor, kritische Krone-Journalisten zu entfernen und durch von ihm bevorzugte Leute ersetzen zu lassen. Journalisten seien sowieso „die größten Huren auf dem Planeten“. Strache: „Sobald sie die Kronen Zeitung übernimmt, sobald das der Fall ist, müssen wir ganz offen reden, da müssen wir uns zusammenhocken. Da gibt es bei uns in der Krone: Zack, zack, zack. Drei, vier Leute, die müssen wir pushen. Drei, vier Leute, die müssen abserviert werden. Und wir holen gleich mal fünf neue herein, die wir aufbauen.“

Strache könne der Oligarchin sogar beim Kauf der zweiten Krone-Hälfte helfen. Mithilfe des Wiener Investors Heinrich Pecina könne er dem Lockvogel auch die Anteile der deutschen Funke-Gruppe vermitteln. Pecina sei „ein großer Player“, denn „der Typ hat alle Medien vor 15 Jahren in Ungarn übernommen, weil die Deutschen das loswerden wollten, weil es ein Minusgeschäft war“. Ähnlich sei es in Österreich. „Die Funke-Gruppe will ihren Anteil loswerden, sie hat einen Zorn auf die Familie Dichand“, so Strache. Pecina hatte schon in Ungarn nach und nach Regionalzeitungen aufgekauft, um diese an Vertraute von Premierminister Viktor Orbán weiterzugeben. Sie wurden eingestellt oder an die Parteilinie angepasst. Ähnliches schwebt offenbar auch dem heutigen österreichischen Vizekanzler vor: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen“, sagt er.

Strache äußerte bei dem Treffen keine Vorbehalte dagegen, dass eine ihm unbekannte Frau in Österreich „ein Machtvolumen“ bekomme, „das gigantisch ist. (…) Du kriegst mit der Zeitung jeden Einfluss, in Wahrheit. Du hast die Waffe in der Hand, das alle dich schalten und walten lassen in Österreich in Wahrheit“. Gudenus pflichtet ihm bei: „Die Kronen Zeitung wär für uns alle gut. Für sie geschäftlich, für uns politisch.“

Strache bietet der Frau auch an, „vorbei am Rechnungshof“ über einen Verein an die Partei zu spenden, sollte sie mit seinem Programm zufrieden sein. Strache: „Der Verein ist gemeinnützig, der hat nichts mit der Partei zu tun. Dadurch hast du keine Meldungen an den Rechnungshof. Das ist ein gemeinnütziger Verein, mit drei Rechtsanwälten. Der hat ein Statut: Österreich wirtschaftlicher gestalten.“ Und weiter: „Es gibt eine paar sehr Vermögende. Die zahlen zwischen 500.000 und eineinhalb bis zwei Millionen. (…) Ich kann ein paar nennen, die zahlen aber nicht an die Partei, sondern an einen gemeinnützigen Verein.“

Strache nennt in dem Zusammenhang auch Namen potentieller FPÖ-Spender: den Waffenschmied Gaston Glock, die deutsche Kaufhauserbin Heidi Horten, den Glücksspielkonzern Novomatic (der „an alle“ spende). Auch den Immobilieninvestor René Benko, „der der ÖVP und uns zahlt“, zählt er auf. Die Betroffenen bestreiten allesamt vehement, an die FPÖ oder deren Vereine gespendet zu haben.

Auch über den Verkauf von Wasser spricht Strache. Man könne „eine Struktur schaffen, wo wir das Wasser verkaufen, wo der Staat eine Einnahme hat und derjenige, der das betreibt, genauso eine Einnahme hat“. Man müsse nur „um die Prozente streiten“. Ein Modell wie in Norwegen schwebe ihm vor, auch da werde Erdöl zum Gemeinwohl verkauft.

Strache, der einmal sogar davon spricht, dass er in einer Falle sitze, betont in dem Video immer wieder, dass er für Korruption nicht zu haben sei. „Ich bin jeden Tag, jeden Tag sauber. Das Wichtigste im Leben ist, mit dem, was man hat, zufrieden zu sein, gerade sein. (…) Korrupt bin i ned. (…) Das war immer mein Weg, und der Weg hat mich in Wahrheit dorthin gebracht, wo ich heute bin; weil heute sagen die Großen, (…) den müssen wir ernst nehmen.“

Der Falter hat Strache und Gudenus mit den Erkenntnissen konfrontiert. Sie bestätigen einen „feuchtfröhlichen Abend“ in „lockerer, ungezwungener Urlaubsatmosphäre“. Die beiden hätten „auf die relevanten gesetzlichen Bestimmungen und die Notwendigkeit der Einhaltung der österreichischen Rechtsordnung mehrmals hingewiesen“.

Die Hintergründe des Videos und die große Recherche über die verhängnisvolle Nacht in Ibiza finden Sie hier. Lesen Sie auch die Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des Spiegel.


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Bastian Obermayer, Frederik Obermaier

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