Herkunft und Verlust

Neue Bücher

Feuilleton, FALTER 30/19 vom 24.07.2019

"Meine Eltern kommen aus der Türkei." Damit erklärt die in Deutschland aufgewachsene Özlem, Deutschlehrerin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder, alles -sich selbst die Welt und der Welt sich selbst, ihren Namen, ihren Akzent, ihr Gefühl, nicht dazuzugehören. Kann jemand aufhören, sich auf die eigene Herkunft zu reduzieren, wenn es die Gesellschaft ständig macht? Diese Frage stellt Dilek Güngör in ihrem kurzweiligen Roman, der sich wie ein Protokoll der Fremdzuschreibungen liest.

Die stärksten Stellen handeln aber nicht von Herkunft, sondern von Freundschaften, die an Unverständnis für die gegenseitigen Lebenslagen zerbrochen sind, und von der Schwierigkeit, im Gemeinsamen aufzugehen, wenn man selbst immer Spezialfall und Außenseiterin ist. Wenngleich die verhandelten Konflikte mittlerweile schon breiter bekannt geworden sind, ist "Ich bin Özlem" ein lesenswertes Buch OLJA ALVIR

Dilek Güngör: Ich bin Özlem. Verbrecher, 160 S., € 19,60

Sie ist schwarz, jung, studiert an einer Eliteuni und fühlt sich an mehreren Orten zu Hause: New York, Portland, Johannesburg, Kapstadt. Thandi lässt sich zur Generation der erfolgreichen "Afropoliten" rechnen. Ihr Leben entgleist, als ihre Mutter an Krebs stirbt. Zinzi Clemmons' Debüt wurde im englischsprachigen Raum mehrfach zum "Buch des Jahres" gekürt.

Stilistisch kann es sich zwar nicht mit den Texten von Teju Cole oder Chimamanda Ngozi Adichie messen -dafür ist die Erzählung letztlich etwas flach, die Sprache leicht distanziert. Doch immerhin verstärkt dies den Eindruck des lähmenden Schmerzes, den der Verlust von Familie auslöst. Und Clemmons (Jahrgang 1985) drückt erbarmungslos genau dort drauf, wo es wehtut. Leider ohne Trost zu spenden. Aber vielleicht beschreibt dieses Buch so auf unvergleichliche Weise die Essenz von Verlust: Da ist eben nur die Leerstelle und sonst nichts. OA

Zinzi Clemmons: Was verloren geht. Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Ullstein, 240 S., € 20,60

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