Die Melkroboter

Niedrige Preise, Überproduktion, übermächtige Genossenschaften: Viele Milchbauern sind in einer Tretmühle gefangen. Die Rebellen von der IG Milch machen jetzt nicht mehr mit


GERLINDE PöLSLER

LANDLEBEN, FALTER 33/19 vom 13.08.2019

IG-Milch-Rebell Ernst Halbmayr: „Wie geschunden die Bauern daherkommen, müde und gefangen in dem furchtbaren System (Foto: Heribert Corn)

Das letzte Kälbchen ist an einem Sonntag im Juli zur Welt gekommen. Diesen Tag wird sich Ewald Grünzweil merken: Es wird die letzte Kälbergeburt auf dem Hof gewesen sein, auf dem er gemeinsam mit Milchkühen aufgewachsen ist. Ein paar Monate werden die Mütter der jüngsten Kälber noch Milch geben, sagt der Biobauer aus Bad Leonfelden im Mühlviertel: „Und dann ist die Milch bei uns Geschichte.“ So wie rund 1000 Milchbauern im Vorjahr werden auch die Grünzweils die Melkroboter abbauen, die Kühe verkaufen und die Kannen ein für alle Mal verräumen. Dabei wollte Grünzweil eigentlich die Branche aufmischen und mit seiner IG Milch etwas verändern. Im Film „Bauer unser“ trat er als Rebell auf, erst vor kurzem hat er seinen Traktor vor der Raiffeisen-Zentrale in Wien, einen Sarg im Schlepptau, eingeparkt. Was ist passiert?

Günstige Milch ist für uns Konsumenten selbstverständlich. Konventionell gibt es sie ab 89 Cent pro Liter, die Biovariante erhält man ab 1,05 Euro. Doch jene, die dafür sorgen, dass die meterlangen Kühlregale immer gefüllt sind, kämpfen mit niedrigen Erzeugerpreisen und sind abhängig von den großen Molkereien. Und obwohl viel zu viel Milch auf dem Markt ist, sollen die Landwirte ihre Betriebe ständig vergrößern und müssen die hochgezüchteten Kühe immer mehr leisten. „Die Landwirtschaft ist so voller Widersprüche, es ist nicht auszuhalten“, sagt Grünzweil. Und: „Wir stehen auf dem Land nicht vor einem Strukturwandel, sondern vor einem Strukturbruch.“ Deswegen hat er mit Ernst Halbmayr und weiteren Bauern die IG Milch gegründet. Deswegen schmeißt Grünzweil jetzt trotzdem hin, und Halbmayr liefert keine Milch mehr an Genossenschaften. Die großen Molkereien sehen die beiden Biobauern nämlich als einen der Hauptfaktoren für die Misere.

In St. Peter/Au im Mostviertel führt Ernst Halbmayr, Grünzweils Kompagnon in der IG Milch, über den stattlichen Vierkanthof, den er mit seiner Frau bewirtschaftet. Es ist ein sonniger Sommernachmittag, so weit man über die umliegenden Hügel sieht, strotzt alles vor Grün. Man könnte meinen, hier sei die bäuerliche Welt noch in Ordnung. Doch Halbmayr sagt: „Es bedrückt mich, wie es den Milchbauern geht. Wie geschunden sie daherkommen, wie müde und gefangen in dem furchtbaren System.“

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